Turandot im Nationaltheater: Fall fürs Musterbuch

München - Gut, die Produktion war sündteuer und spektakelt gedankenschlicht an der Handlung vorbei. Aber für Besetzungsneulinge taugt das Stehtheater dieser „Turandot“ perfekt. Lesen Sie hier die Kritik:

Selbst wer wider Willen aus der Tram 19 auf die Bühne des Münchner Nationaltheaters entführt wurde, findet sich im Regie-Arrangement von La Fura dels Baus sofort zurecht. Folglich auch Johan Botha, der bestmögliche Einspringer für die Calaf-Partie.

Vor einem guten halben Jahr hatte der Südafrikaner Bayerns Staatsoper schon einmal gerettet, damals beim „Lohengrin“-Gastspiel in Tokio. Und auch wenn Botha (ein paar versteifte Töne verrieten das) nicht seinen besten Tag hatte: Eine so perfekt fokussierte und sitzende Stimme, die sich ohne Ansatzschleifer und Anstrengung, noch dazu hürdenfrei in undankbaren Lagen bewegt, findet sich in der Opernszene derzeit kaum. Ein Fall fürs Gesangstechnikmusterbuch ist Botha. Und dass er seine Phrasierungs- und Nuancierungskünste nicht ganz anbringen konnte, liegt auch an der Rolle: Viel Möglichkeiten ließ Puccini seinen Tenören nicht. Immerhin ein „Nessun dorma“ – über dessen Tempo sich Botha freilich mit Dan Ettinger nicht ganz einig war.

Ettinger, Mannheims GMD, dirigiert zwar weniger auf Doppelrahmstufe wie Premierenmann Zubin Mehta. Doch was die Koordination betrifft, muss sich diese neu besetzte „Turandot“ erst finden. Eri Nakamura bot eine deutliche Steigerung zur vorherigen Liu-Kollegin, Jennifer Wilson als Turandot bleibt (vokal) nicht ganz formatfüllend, und der imponierende Alexander Tsymbalyuk ist als Timur fast verschenkt. Immerhin bietet die Produktion ein viertes „Turandot“-Rätsel: Was ist bunt, innen hohl und macht Krach? Genau.

Markus Thiel

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