Eine Las-Vegas-reife Show: Szene aus Carlus Padrissas „Turandot“-Inszenierung mit Emanuele D’Aguanno (Pong), Fabio Previati (Ping) und Marco Berti (Kalaf, v. li.). Foto: hösl

„Turandot“ am Nationaltheater: Holiday mit Greis

München - Ein Besuch beim Media-Markt, und der Schädel wär' noch dran. Insofern ist Kalaf, im Unterschied zu allen an Turandots Rätseln tödlich gescheiterten Freiern, schon ein Fuchs: Sein i-Pad liefert die Lösung - wahrscheinlich nachgeklickt bei wikipedia.org/wiki/Turandot. Wo der „Nessun-dorma"-Mann das Ding plötzlich herhat? Egal.

Von Markus Thiel

Warum, wie, weshalb, alles überflüssige Fragen an diesem Abend im Münchner Nationaltheater. Wer sich La Fura dels Baus ins Haus holt, den erwartet ja anderes: Das teuerste Oberflächensurfen der Opernszene, nun ist es auch an der Isar zu erleben.

Dabei ist die Show der Katalanen um Carlus Padrissa Las-Vegas-reif. Breakdancer wirbeln, Eishockeyspieler nebst Schlittschuhbarbies kurven um Timur, der im orange-grellen Rollstuhl thront. Und während unten Holiday mit Greis gespielt wird, baumeln Trapezkünstler aus dem Schnürboden, formieren sich zu Menschenmustern. Zu Beginn des zweiten Akts wogt ein Feld abgeschlagener Köpfe lustig im Takt, Turandots Verurteilte machen ebenso vergnügt Winkewinke.

Die Prinzessin selbst erscheint im Zentrum eines monumentalen Rads, auf dem Franc Aleus Videos flimmern. Und wer dazu die am Eingang verteilte 3D-Brille aufsetzt (ein Symbol auf den Übertiteln gibt dazu das Zeichen), sieht die Projektionen sogar räumlich. Auch bei Liùs Tod, zu dem 2100 Besucher nochmals das Pappgestell geräuschvoll herauskramen: Wer stört, ist Puccini. Schon dumm, dass der ausgerechnet jetzt seine fragilste, jenseitigste Musik liefert.

Überhaupt gibt es einen Störfaktor in dieser Aufführung: das Stück selbst. „Turandot“ in der Toten Stadt oder in der Olympiahalle, alles schon dagewesen. Und tatsächlich drängt Puccinis finale Lebens- und Kunstäußerung mit Massenchören und großem Instrumentarium zum Event-Format. Eine Krux - und ein Missverständnis. Grauenvolles wird schließlich verhandelt und Schwarzes musiziert. Wo sich aber das Klanggeschehen der Pogrommusik entgegengeifert, wo manipulierte Massen nach Blut und Spiele lechzen, wo eine mit Gefühlseis gepanzerte Prinzessin ihre Traumata grausam auslebt, da überwältigt Padrissas Truppe zwar - und blendet doch sämtliche Problem- und Kraftfelder dieser Oper aus.

Eine perfekt choreographierte Musical-Show drückt einen da in die Klappsessel. Eine Opulenz, die die dunklen Seiten von Puccinis letztem Werk mit gefälliger bis atemberaubender Giga-Ästhetik überstrahlt: „Turandot“ im Riefenstahlbad und als Popcorn-Oper. Bezeichnend, dass Padrissa die Ermordung von Kalafs Vorgänger ausblendet, ebenso die Folterungen an Liù, dafür die Geschundene per Himmelfahrt kitschig verklärt.

Ob Finale oder nicht, das wird in dieser Aufführung, die schon mit dem Tod Liús und ohne (nicht mehr von Puccini komponiertes) Liebesduett des neuen Paares endet, zweitrangig. Am Ende lehnen Kalaf und Turandot Stirn an Stirn aneinander - das reicht, wo sich bislang Personenregie ohnehin auf Verkehrsregelungen beschränkte. Und spätestens jetzt wird klar: Kein anderer Pultstar passt zu La Fura dels Baus besser als Zubin Mehta.

Ohrenbetäubend wie seine Graben-Orgien wird die Heimkehr des früheren Chefdirigenten gefeiert. Mehta dirigiert „Turandot“ nicht als wegweisende Partitur, die Klang- und Strukturkorsette sprengt, sondern aus Sicht des 19. Jahrhunderts. Das Staatsorchester, endlich einmal von der Leine gelassen, steigert sich mit dem Chor in einen Rausch. Eine Deutung, satt und kraftvoll, energiereich und fortissimoverliebt - und manchmal auch gefährlich schlingernd wie im Repertoirealltag. Dass Puccini hier sein ausdifferenziertestes Instrumentarium liefert, geht unter. Wo der Meister eine rhythmisch prononcierte, aufregend skelettierte Musik schreibt, packt der Maestro lustvoll Fleisch und Fett dazu. Man sehnt sich nach intimen Momenten und bekommt sie erwartungsgemäß bei Liù, auch wenn Ekaterina Scherbachenko mit leicht flirrendem, nicht gut abgesichertem Sopran singt. Am Ende muss sie oktavieren - eine Indisposition? Jennifer Wilson als Turandot macht sich (erfolgreich) auf die Suche nach dem Lyrischen. Eine Stahlstimme hat sie nicht, dazu geraten die Extremhöhen zu unkontrolliert bis geschrien, die Mittellage geht leider in Mehtas süffigem Sound unter.

Überhaupt unterläuft Bayerns Staatsoper, in der Ära Bachler sonst bis in die Nebenrolle auf 1A-Besetzungen gepolt, dieses Mal viel Mittelmaß. Fabio Previati, Kevin Conners und Emanuele D’Aguanno verkaufen sich als Minister-Clowns unter Wert, lassen nichts vom Zynismus dieser Troika vernehmen. Dafür ist Marco Berti ein Kalaf aus dem Tenore-robusto-Musterbuch: ein Steh-Sänger, der seine virilen Töne wie Klangsäulen im Räum platziert - und im „Nessun dorma“ leicht kurzatmig wird: Kunststück, wenn 4200 Ohren dem Hit entgegenfiebern. Dafür beschenkt ihn Mehta mit dem Konzertschluss der Arie als Applauskitzler. Ein Sündenfall gerade bei denjenigen, die sich mit dem Schlagwort „Urfassung“ brüsten.

Was für eine Serie also. Messiaens „St. Francois“ mit Hermann Nitsch, dann „Hoffmanns Erzählungen“ mit Richard Jones, nun diese „Turandot“: Möglich, dass das Haus sättigende Windbeutel verteilen wollte. Gemessen an dem wird der nun anstehende „Ring“ ein Gedankenfest.

Nächste Vorstellungen

am 7., 10., 14., 17. und 20.12.;

Telefon 089/ 21 85 19 20.

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