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Nicht mehr anonyme Macht, sondern Spielmacher: Neptun (Benito Marcelino) beeinflusst auch Elettra (Irina Taboridze).

Mit dem Turbo-Motor im Rücken

München - Tiroler Landestheater zeigt Mozarts „Idomeneo“ dirigiert von Christoph Altstaedt und inszeniert von Peer Boysen. Lesen Sie hier die Premierenkritik: 

Das „so genannte Popolare“ solle er nicht vergessen, beschwor ihn der Papa. Jene Musik also, die auch die „langen Ohren kitzelt“ – womit Leopold Mozart, wenig schmeichelhaft, Nichtkenner mit Eseln gleichsetzte. Vergebens. Wolfgang Amadé tobte sich in München so richtig aus. Das beste Orchester der Welt hatte er anno 1781 zur Verfügung, nie sollte er später die Experimentierlust und Überfülle seiner „Idomeneo“-Partitur wieder erreichen.

Grund genug, den Turbo-Motor in den Mittelpunkt zu rücken. Im Innsbrucker Landestheater sitzt das Tiroler Symphonieorchester also auf der Bühne, die Sänger agieren davor. Kein neuer Einfall, aber diesmal liegt das nicht am vermeintlich engen Graben (Innsbruck spielt schließlich weitaus Größeres), sondern ist als Verbeugung vor der Partitur gedacht. Vielleicht auch vor dem Mann am Pult: Christoph Altstaedt, Jahrgang 1980 und seit dieser Saison Chefdirigent, denkt in Richtung historisch informierte Klangrede. Hörner, Trompeten und Pauken sind alt, das Tempo ist hoch, das musikalische Geschehen sturm- und drangvoll, vor allem in den Bläsern prononciert bis widerborstig. Etwas mehr Angriffsgeist in den (fast zu schön spielenden) Streichern, und das Orchester könnte leicht mit den Experten der Zunft mithalten. Aber vielleicht ist auch die Akustik schuld: Die Wucht der Partitur verpufft etwas im Schnürboden, durch die steilen Orchesterränge wird manche Nummer überdies zum Trompetenkonzert.

Regisseur und Ausstatter Peer Boysen, seit Jahren Innsbrucks Mozart-Mann, rückt durch diese Aufstellung das Geschehen hautnah ans Parkett. Und er hat eine aparte neue Figur kreiert. Neptun ist nicht mehr anonyme Übermacht – Tänzer Benito Marcelino lenkt das Geschehen mit Eleganz, blauem Barockanzug und Mozart-Perücke, bedient auch, wenn widrige Elemente gefragt sind, Donnerblech und Windmaschine.

Der Schlachtblock, auf dem Idomeneo seinen Sohn Idamante opfern soll, ist als Bedrohung fast immer präsent. Wenige Requisiten, darunter das mahnende Henkersbeil, sagen viel. Boysen braucht keinen Szenenplunder, hat dafür intensiv mit den Sängern gearbeitet, vor allem in den Rezitativen. Die Zwischenexistenz von Mozarts Frühwerk, das sich auf dem Grat zwischen Barock-Oper und künftiger Menschenbeschau bewegt, wird in dieser Aufführung (ungewollt?) sichtbar: Boysen neigt zum Stilisierten, zur genau choreographierten, aber eben dadurch auch zur ausgestellten Emotion.

Die beim „Idomeneo“ schwierige Fassungsfrage nutzt er für den besten Einfall. Zum Showdown lässt Idomeneo das Beil (librettowidrig) auf seinen Sohn niedersausen. Die Rache-Arie-Elettras, von Mozart für die Münchner Uraufführung gestrichen und nun von Irina Taboridze mit herber Dramatik in den Raum geschleudert, markiert eine Art Finale. Dann Blackout, alles zurückgespult, und Idomeneo ist wieder mit erhobenem Beil zu sehen, bevor der Orakelruf der Tat Einhalt gebietet.

Wie immer in Innsbruck bewegte sich die Premiere auf hohem Vokalniveau. Sophie Mitterhuber war keine süßliche, sondern eine diesseitige Ilia mit energiereichem, stabilem, gleichwohl flexiblem Sopran. Martin Homrich (Idomeneo) konnte sein Heldenmaterial gut kanalisieren. Dass die Intonation diffus blieb, lag womöglich an seiner Kehlkopfentzündung. Nicht nur stimmlich der Gegenpol: Mezzosopranistin Trine Batrup Møller als empfindsamer Königssohn. Ein Idamante zwischen den Zeilen gewissermaßen, mit feinen, intimen Nuancen – Stimmschönheit traf da auf eine bescheidene, natürliche Gestaltung.

Ob dieser verzagte Spross wirklich neuer Herrscher sein kann? Peer Boysen hat sich da etwas bei Dieter Dorns Cuvilliéstheater-„Idomeneo“ bedient: Idamante und Ilia reißen sich am Ende, in der einzigen nicht gestrichenen Ballettmusik, die Kronen vom Kopf und stürmen ins junge Glück davon, während das Licht im Saal aufflammt. Sollen sich die Kreter doch andere Staatenlenker suchen.

Markus Thiel

Nächste Vorstellungen am 10., 12., 25. November; Telefon 0043/ 512/ 52 07 44.

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