Turbulenzen auf der Haut

- Tätowierung! Es muss auf unserem Globus eine überdimensional große Anhängerschaft dieser eingebrannten, eingeritzten oder eingeschnittenen Körper-Musterung geben. Denn wie sonst, fragt man sich Haare raufend, hätte diese Schwarte "Bis ich dich finde" von Autor John Irving ein US-Bestseller werden können? Wer diesem epidermalen Dekor so gar nichts abgewinnen kann, muss sich regelrecht durch den Tätowierungs-Kompaktkurs des Start-Kapitels von immerhin 172 Seiten (hätten locker gereicht, für das, was das gesamte Opus zu sagen hat) durchknüppeln.

Langatmige Hollywood-Satire

Und auch bis zur bitteren letzten Seite 1140 (!) kommt die Kunst der Nadel, ihre diversen Techniken und unzähligen Motive aus Pflanzen-, Tier- und erotischen Fantasiewelten, mit Vorliebe an Bikinislipgrenzen und Kaiserschnittnarben - und noch weiter unten -, ausgiebig zur Sprache in diesem fetten Konglomerat, das sich als Familien- und Entwicklungs-Roman verstehen will, nebenbei auch noch als Satire auf das Hollywoodsche Filmgewerbe.

Alice, die Mutter des Helden Jack Burns - das Ich im Titel, hinter dem sich, nach eigener Aussage, zum Teil Irving selbst verbirgt -, ist nämlich Tätowiererin. Und weil sie von Jacks Vater, William Burns, einem mit Partituren schon fast totaltätowierten Kirchenorganisten, verlassen wird, reist sie ihm mit dem vierjährigen Kind hinterher. Die Route geht von Kanada nach Europa durch sämtliche Ost- und Nordseehäfen, wo Alice den Flüchtigen zum einen bei den Meistertätowierern zu finden meint, zum anderen in alten Gotteshäusern mit seltenen Orgeln.

Ganze Scharen von Tätowierern, Organisten, Orgelschülern, Prostituierten, Lesben, von Alice vernaschten Halbwüchsigen säumen diese Reise. Der Vierjährige lernt mehr, als ihm zuträglich ist. Zurück in Kanada steckt ihn die resolute Mama in eine Mädchenschule, wo Teenies den mädchenhaft hübschen Knaben als Studierobjekt ihrer erwachenden Begierde benutzen. Später wird er von seiner Sportlehrerin missbraucht.

Emma, eine ältere, sich zu seinem Schutze berufen fühlende Mitschülerin, hält immer nur seinen Penis (deutsche Übersetzung), auch später noch, als sie in Los Angeles in geschwisterlicher Partnerschaft zusammenleben; Emma inzwischen Drehbuchautorin und Jack Hollywoodstar in Transvestitenrollen. Dafür schläft sich Jack quer durch alle Betten. Unter dem Wiederholungsmusterzwang seiner ersten Sexerfahrungen bevorzugt er ältere Jahrgänge, von der hässlichen Tellerwäscherin bis zu Emmas Mutter Leslie. Obwohl diese, nach gescheiterter Ehe, die Geliebte seiner Mutter geworden war. Mannomann, so geht das Seite um Seite, Kapitel um Kapitel.

Das Hundsgemeine an diesem Wortdurchfall von abstrusen Sex-Aktivitäten und Beziehungen: Da ist nie ein Gefühl nirgends. Da ist nicht mal was schlüpfrig, nicht mal provozierend. Und jede Tele-Novela ist spannender als Irvings Gelaber über Hollywood. Vielleicht ist die Satire ja beim Übersetzen abhanden gekommen. Am Ende findet Moviestar Jack doch noch seinen alten Vater in einer Schweizer Klinik - nervlich und psychisch geschädigt von zu vielen Tätowierungen und Schicksalsschlägen. Der zentrale Schlag war der Verlust seines Sohnes, den ihm Alice aus Rache entzog: Sie war es, die vor William floh und nicht umgekehrt, erfahren wir endlich auf den allerletzten Seiten. Eine Entwicklung allerdings ist bei Jack nicht auszumachen. Aber vielleicht hat John Irving sich ja mit diesem seinem elften Roman eine Selbsttherapie verabreicht. Und die soll jetzt der Leser bezahlen?

John Irving: "Bis ich dich finde". Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren und Nikolaus Stingl. Diogenes Verlag, Zürich, 1140 Seiten; 24,90 Euro.

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