Turbulenzen um Schlingensief-Inszenierung

Bonn - Gelegenheiten zu Provokation nebst Irritation lässt der Aktionskünstler und Regisseur Christoph Schlingensief (46) nur ungern aus.

Derzeit zeigt sich der Protagonist schriller Trash- Ästhetik, der an der Bonner Oper das musikalische Drama "Freax" des gefragten Münchner Komponisten Moritz Eggert in Szene setzen sollte, auf seiner Internetseite mit schrecklich blutunterlaufenen Augen. Doch es ist nicht die infektiöse Augenentzündung des "Provokations- Profis", die knapp zwei Wochen vor der "Freax"-Uraufführung die Oper der Bundesstadt ein wenig ins Schlingern bringt.

Komponist Eggert und Regisseur Schlingensief, der bisher zweimal Wagner in Bayreuth und in der Amazonas-Metropole Manaus inszeniert hat, konnten sich über grundsätzliche ästhetische Fragen der Bonner Produktion nicht einigen. Sollen, wie es sich Eggert wünscht, Profi- Sänger das Drama um einen Kleinwüchsigen, der eine attraktive Frau liebt, interpretieren? Oder sollten wirkliche Behinderte auf der Opernbühne stehen, wie es das Konzept des Regisseurs vorsieht?

Als ebenso salomonischer wie ungewöhnlicher Ausweg erwarten das Bonner Premierenpublikum nun am 2. September - wohl erstmals in der langen Operngeschichte - zeitversetzt gleich zwei Uraufführungen eines Werkes: Zunächst soll das Eggert-Stück rein konzertant erklingen. In der Pause will dann Schlingensief nach eigenen Angaben seine 30-minütige "Fremdverstümmelung 2007 - Freax/Ein Diskurs über Behinderungen in der Oper" zeigen. Bei dem "szenisch-filmischen Beitrag" spiele dann auch die Musik Eggerts eine Rolle, erklärte eine Opernsprecherin der Deutschen Presse-Agentur dpa.

"Wenn eine Oper sich um das Thema Behinderung kümmert, dann darf sie die Behinderten nicht als Beiwerk benutzen, dann sind sie ein Zentralthema, dann haben diese Menschen auch an den entsprechenden Stellen zu singen", kommentierte der Regisseur. Sänger könnten dann nicht "auf Knien herumrobben und sagen, sie sind kleinwüchsig." Ihm wäre am liebsten (Schlingensief: "So wie es jetzt ausschaut, wird es möglich sein"), wenn das Publikum seinen Beitrag als DVD mit nach Hause nehmen könne.

Von einem Streit zwischen den beiden Protagonisten könne keine Rede sein, heißt es beschwichtigend an der Bonner Oper: "Beide verstehen sich gut und jeder respektiert den anderen sehr." Es gebe keinerlei Streit, "aber es gibt eine Auseinandersetzung um eine moderne Oper". Gerüchte, Schlingensief käme - anders als bei Wagner - mit dem ihm bis dahin unbekannten Werk Eggerts inszenatorisch nicht klar, gehörten ebenso in das Reich der Fabel. Immerhin waren aber auch Schlingensiefs Bayreuther "Parsifal"-Proben von handfestem Streit auf dem Grünen Hügel und Krankmeldung begleitet, schmiss er eine Jelinek-Inszenierung in Zürich nach nur wenigen Aufführungen hin und meldete sich krank.

Derzeit probt Schlingensief allerdings nach Opernauskunft trotz seiner Erkrankung - nach einigen Tagen Unterbrechung - mit roten Augen weiter: Vielleicht gehen von der ungewöhnlichen Ästhetik der Bonner Doppel-Uraufführung dank des gern zitierten "Risikofaktors Schlingensief" neue künstlerische Impulse für das bisweilen angestaubte Musiktheater aus.

www.oper.bonn.de

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