Turm zu Babel

- Turmbau zu Babel. Die Welt war in Ordnung, war eine Einheit, denn es gab nur eine einzige Sprache. Mit dem Einsturz des Riesenbaus zerfiel auch die Sprache in eine unübersehbare Vielfalt. Die aufragenden Trümmer des World Trade Centers hätten sie, merkt Patti Smith an, sogleich an Babel gemahnt. Der 11. September 2001 sei das Symbol, dass es keine Kommunikation zwischen den Menschen gegeben habe.

<P>In der Ausstellung "Strange Messenger: The Work of Patti Smith" im Münchner Haus der Kunst (zusammen mit dem Andy Warhol Museum, Pittsburgh) sind ihre bildnerischen Arbeiten zu diesem Thema die interessantesten. Nicht nur wegen des gewichtigen Stoffs, sondern auch wegen der nachdenklichen und ästhetisch bemerkenswerten Umsetzung. </P><P>Das Bild des Ruinen-Rasters, das in unseren Köpfen für immer eingebrannt sein wird, verwandelte Smith mit Siebdrucken, mit Kombinationen aus Graphit- und Kreidezeichnung, digitalen Fotos und Klebeband, mit ihrer Schrift in ein Memento: nicht des Todes, sondern der intensiven innerlichen Beschäftigung, des Lebens also und der Kunst. Ihre kleinen, weichen, schweifend-schwänzelnden Schriftzeichen umhüllen als zartes Ornament die Katastrophe. Vergänglich und rührend, deswegen sehr richtig ist auch ihre Erinnerung an die Opfer in den Flugzeugen. Ihre Namen "verewigte" sie auf einem gefalteten Papierflieger. Einige alte Grafiken zum biblischen Turmbau ergänzen diese Serie.</P><P>Die Rock-Poetin</P><P>Insgesamt jedoch enttäuscht die Schau. Keinen Moment lang hat man das Gefühl, dem Lebenswerk dieser vielseitigen Frau, die als Rocksängerin/-poetin zur Legende wurde, wirklich nahe zu kommen. Für Chris Dercon vom Haus der Kunst ist ausdrücklich das Grenzüberschreitende in der Kunst von Patti Smith - Musik, Text, Zeichnung - Zielsetzung der Ausstellung. Aber an dieser Aufgabe scheitert sie. Die Gattungen bleiben unverbunden nebeneinander stehen. Die Faszination der Kultfigur Patti Smith kommt nicht vor, wird nur ganz schwach in Robert Franks Video "Summer Cannibals" reflektiert. Wer so eine Präsentation gestalten will, muss selbst Grenzen überschreiten. Er muss wegkommen von einer gesitteten Kunsthallen-Exposition mit Bildern und Fotos an der Wand, Vitrinen mit Büchern und Briefen und ein paar Tonzuspielungen. Das dunkle Kabuff mit raunender Smith-Stimme und den Tüll-Himmelshemdchen der Smith-inspirierten Modemacherin Ann Demeulemeester reißen's nicht heraus.</P><P>Der Betrachter schlendert an den Blättern entlang, die seit den späten 60er-Jahren entstanden. Die Linienführung routiniert, gefällig. Danach der sichtbare Wille der Künstlerin, die in der zweiten Hälfte der 70er als Rock-Größe bejubelt wurde, das Gekonnte aufzurauen, härter zu machen, auch Tabubrüche zu setzen. Aber erst die in den vergangenen Jahren entstandenen Arbeiten überzeugen, wirken wahrhaftig. Im übrigen darf man vermuten, dass diese Blätter kein solches Interesse fänden, wenn sie nicht von der Patti Smith stammen würden: Die so genannten Intellektuellen brauchen halt auch ihre Anbetungs-Figuren. Und so ist Smiths heutiges Konzert schon längst ausverkauft. Zum Trost wird eine Liveübertragung in die Ausstellungshalle angeboten (20 Uhr, sieben Euro). </P><P>Bis 29. Februar, Tel. 089/ 21 12 71 15; das Katalogbüchlein, 16 Euro, ist verzichtbar.<BR><BR></P>

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