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Am Ende, als Gregor Samsa (Jens Atzorn, li.) stirbt, erlaubt Gísli Örn Gardarsson in seiner Inszenierung von Franz Kafkas „Die Verwandlung“ zum ersten Mal Betroffenheit bei Gregors Schwester (Friederike Ott, re.) und seiner Mutter (Ulrike Willenbacher).

Premierenkritik

Turnen im Samsa-Stadl

München - Gísli Örn Gardarsson verharmlost im Münchner Cuvilliéstheater mit seiner Bühnenadaption Franz Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“.

Vielleicht helfen diese wenigen Zeilen aus einem seiner Briefe am ehesten, Franz Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“ zu fassen: „In der von den Eltern umklammerten Familie haben nur ganz bestimmte Menschen Platz, die ganz bestimmten Forderungen entsprechen“, schrieb Kafka im Jahr 1921 an seine Schwester Elli. Und er fährt fort: „Entsprechen sie nicht, werden sie nicht etwa ausgestoßen – das wäre sehr schön, ist aber unmöglich, denn es handelt sich ja um einen Organismus –, sondern verflucht oder verzehrt oder beides.“

Kafka (1883-1924) verrät in diesem Brief natürlich auch, wie er selbst das Leben in seiner Familie wahrgenommen hat (erst kurz vor seinem Tod zog er endgültig aus dem Elternhaus aus). Und am Beispiel Gregor Samsas berichtet er davon in „Die Verwandlung“, jener Erzählung, die 1915 erstmals veröffentlicht, einem surreal-funkelnden Albtraum gleicht, der bei der Lektüre den Blick in gähnend leere Abgründe öffnet.

Doch nichts davon findet sich in der Bühnenadaption des Textes, die Gísli Örn Gardarsson und David Farr fürs Bayerische Staatsschauspiel erarbeitet haben. Die gut neunzig Minuten lange Inszenierung, die am Donnerstag im Münchner Cuvilliéstheater laut bejubelte Premiere feierte, ist von einer schier unglaublichen Harmlosigkeit. Sie transportiert nichts von Kafkas drängend-existenzieller Erzählung und kann daher in keinem Augenblick die einzig wichtige Frage beantworten: warum dieser Prosatext, der bis heute nichts von der Monstrosität seiner Geschichte und der literarischen Eleganz ihrer Umsetzung eingebüßt hat, unbedingt hat Theater werden müssen.

Nichts, absolut nichts fügt die Bühnenfassung dem Original hinzu – sieht man von der Aufwertung der Figur der Schwester ab, über die noch zu reden sein wird. In Kafkas Vorlage versucht Gregor, der zwar im Körper eines Ungeziefers steckt, aber noch immer eine menschliche Seele hat, drei Mal aus seinem Zimmer zur Familie zu stoßen, getrieben von einem zutiefst emotionalen Bedürfnis. Immer heftiger wird er zurückgejagt, schließlich tödlich dabei verwundet. Dieses Nicht-Loskommen-Können vom „Organismus“ Familie, bis man „verflucht“ oder „verzehrt“ wird, blendet diese Inszenierung ebenso aus wie den inzestuösen Kontext von Kafkas Erzählung. Gewiss, Börkur Jònsson hat in seinem naturalistischen Bühnenbild auch an das Gemälde einer Dame im Pelz gedacht, einziger Wandschmuck in Gregors Zimmer. Dass dieses jedoch Symbol (verbotener) sexueller Verlockung ist, gar als Hinweis des Autors auf Leopold von Sacher-Masochs SM-Roman „Venus im Pelz“ verstanden werden kann, begreift nur, wer Kafka liest.

Stattdessen fokussiert Gísli Örn Gardarsson seine Inszenierung auf die ökonomische Fragestellung: Ohne die Arbeit des Sohnes ist die bürgerliche Existenz der Familie Samsa gefährdet. Als Ungeziefer kann Gregor seine „Pflichten“ gegenüber der Familie nicht mehr erfüllen, wie seine Schwester Grete an einer Stelle bemerkt. Später wird Herr Fischer, dem die Samsas ein Zimmer untervermieten wollen, den Satz sagen: „Dekadenz in unserer Gesellschaft zeugt von einem Mangel an Tatkraft.“

Nun hätte sich all dies natürlich wunderbar auf der Bühne verhandeln lassen, doch der isländische Regisseur, der mit seiner Truppe „Vesturport“ international Theatererfolge feiert, unterläuft auch diesen Ansatz, indem er die Figuren als furchtbar platte Karikaturen spielen lässt: Da wird Weltliteratur auf Stadl-Niveau eingedampft. Gerhard Peilstein und Ulrike Willenbacher als Gregors Eltern sowie Arthur Klemt in den Rollen diverser Nicht-Familienmitglieder stellen ihre Figuren unbarmherzig bloß, verraten sie mit überdrehten Gesten und affektiertem Spiel selbst für simpelste Scherze. Unwürdig ist das.

Ausgenommen sei hier Friederike Ott, der es immerhin gelingt, ihre Grete ab und an vor der Regie in Schutz zu nehmen. In diesen Momenten zeigt sie recht eindrucksvoll die Studie einer jungen Frau, die sich nun, da der Bruder als Ernährer der Familie ausfällt, zwangsläufig emanzipieren muss. Schade, dass die Regie nicht an einer ernsthaften Auseinandersetzung mit diesem Thema interessiert war.

Wer dagegen weiß, dass Gísli Örn Gardarsson einst 15 Jahre lang Leistungsturner in der isländischen Nationalmannschaft gewesen ist, ahnt, wie die Figur Gregor Samsa entwickelt wurde: Dessen Zimmer besteht aus Kletterwänden. Bühnenbildner Jònsson hat es über das Wohnzimmer der Familie gebaut und vertikal gedreht, sodass das Publikum aus der Deckenperspektive hineinblicken kann. Hier nun turnt Jens Atzorn, hangelt sich vom Klettergriff zur Stehlampe, schwingt sich vom Bett zum Stuhl. Eindrucksvolle körperliche Fähigkeiten zeigt der Schauspieler dabei – jedoch rauben sie ihm Kraft, Konzentration, Zeit. Atzorns Leistung steht im Mittelpunkt – und nicht Gregors Leiden.

Von diesem erzählt im Cuvilliéstheater letztlich einzig die soghaft düstere, todtraurige und abgründige Musik, die Nick Cave und Warren Ellis für diesen Abend komponiert haben.

Michael Schleicher

Nächste Vorstellungen

am 10., 17., 18., 20. und 21. Dezember; Telefon 089/ 21 85 19 40.

Die Besetzung

Regie: Gísli Örn Gardarsson. Bühne: Börkur Jònsson.

Kostüme: Brenda Murphy

und Lili Wanner.

Musik: Nick Cave

und Warren Ellis.

Darsteller: Jens Atzorn (Gregor Samsa), Gerhard Peilstein

(Vater), Ulrike Willenbacher (Mutter), Friederike Ott (Grete), Arthur Klemt (Dienstmädchen, Stietl, Dr. Hoffmann, Fischer

Die Handlung

„Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.“ Mit diesem berühmten Satz beginnt Franz Kafka seine wohl bekannteste Erzählung „Die Verwandlung“. In drei Abschnitten schildert Kafka, wie Gregor drei Mal versucht, zu seiner Familie zu stoßen. Stets wird er zurück in sein Zimmer gejagt, dabei zuletzt tödlich vom Vater verwundet. Als er stirbt, werden seine Überreste mit dem Abfall entsorgt.

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