Turnier der Triebe

- Da setzen sich die Burschen vom Dorf ihre Clownsnasen auf, bilden um die fein herausstaffierte Höchstbäuerin einen Kreis, legen einen Schuhplattler hin, und die gemeine Gaudi hat begonnen: der Schaukampf um den Kuss, den der Hagenbach Josef sich gleich mit der Strominger Walburga liefern wird. In dem Moment ist hier auf der Volkstheater-Bühne bei der Premiere der "Geierwally" schon einigermaßen Rasantes geboten - atemloses Schlagen, Küssen, Beißen, da geht's, spürt man, um Liebe oder Tod. Aus der Balz wird eine Hatz.

<P>Jäger Josef zwingt mit brutalem Nackengriff das erlegte rotblonde Wild in den Staub, lässt die Trophäe verächtlich liegen und geht als Sieger ab von dem Turnier der Triebe und Hiebe. Die Umstehenden "steinigen" das waidwunde Weib nun auch noch mit Kiesel, Sand und Federn. Der Vogel scheint gerupft, der Stolz gebrochen und die Geierwally am Ende.<BR>An den Anfang seiner Intendanz setzte Christian Stückl zwei eigene Inszenierungen. Nach Shakespeares blutiger Suada "Titus Andronicus" nun also "Geierwally", den geliebten Schmachtfetzen der Oberammergauerin Wilhelmine von Hillern aus dem 19. Jahrhundert. Das, will Stückl zeigen, ist die Spannbreite seines Hauses: das Münchner Volkstheater zwischen Kunst und Kitsch. Mag der "Titus" nicht wenige Besucher verschrecken, werden umso mehr _ diese Voraussage darf man wohl wagen - die "Geierwally" lieben. Warum?</P><P>Weil Stückl hier mit sicherem Instinkt auf das setzt, was er hervorragend kann: der immer wieder gut inszenierte Einsatz von Gruppen und Laien, deren natürliche Theatralik er sich und der Aufführung zunutze macht. Wenn hier also die Jungen Riederinger Musikanten als wilde Dorf-Clique von heute im "Lammwirt" einfallen oder als Blaskapelle zu Peter & Paul aufspielen oder wenn auch nur zwei von ihnen mit hinreißender, komisch-kindischer Verdrehtheit der Geierwally die Aufforderung zum Tanz überbringen, dann hat das jenen Charme des Absichtslosen und den Witz der Realität. Dann liegen Spiel und Wirklichkeit, Komik und Ernst ganz dicht nebeneinander. Dann hat die Aufführung ihre Höhepunkte. Ähnlich gilt das auch für Anton Burkhart, den Förster im Leben wie auf der Bühne. Kein Theaterprofi, aber in der Rolle des Josef doch einer, bei dem ganz unverstellt der Funke überspringt. Bis das der Aufführung insgesamt gelingt, vergeht eine geraume Zeit. Warum?</P><P>Das mag erstens daran liegen, dass Stückl die schöne Heimatschnulze zur Tragödie stemmt und er dabei auf feine ironische Brechung verzichtet. Zweitens an der zwar praktikablen, stilisiert modernen Stahlgerüst-Bühne in drei Etagen, die allerdings kaum Atmosphäre aufkommen lässt. Und drittens an den doch noch weitgehend unbedarften Schauspielern und somit auch an der Geierwally selbst.</P><P>Der jungen Brigitte Hobmeier fehlt es an Kraft und, vielleicht, an darstellerischem Mut, um das Feuer hinter ihrer Tiefkühl-Fassade glaubhaft zu machen. Wir sehen nur das erst armselige, dann gedemütigte und schließlich zickige Mädchen, ob in Jeans oder Seidenfummel. Die Wildheit aber, die diese Geierwally schließlich unsterblich gemacht hat, bleibt sie ihr leider ganz und gar schuldig.</P><P>Dennoch: Bei der Premiere am Freitag kassierten alle viel Beifall und dazu einen Extra-Jubeljodler aus tiefstem Herzen.<BR><BR></P>

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