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Seit dem Jahr 2006 gibt es Twitter.

Social Media

Twitter: Wie Bayerns Theater zwitschern

München - Seit dem Jahr 2006 gibt es Twitter. Jeder kann den Kurznachrichtendienst als digitale Bühne nutzen, um Informationen in maximal 140 Zeichen mit anderen zu teilen. Doch gilt das auch für jene, deren Bühnen in der analogen Welt bespielt werden?

Neulich bei Verdis „La forza del destino“ an der Bayerischen Staatsoper: Einem Zuschauer gefallen die Stühle auf der Bühne, er möchte wissen, wer der Designer ist. Früher hätte er einen Brief schreiben oder einen Anruf tätigen müssen – wäre über viele Kanäle weiterverbunden worden, um dann womöglich doch nicht den passenden Ansprechpartner zu finden. Heute ist das anders: Dieser Zuschauer ist bei Twitter. Das ist jene Kommunikationsplattform im Internet, über die man anderen Nutzern in maximal 140 Zeichen pro Eintrag Nachrichten in Echtzeit übermitteln kann. Auch die Bayerische Staatsoper nutzt Twitter. Der Design-begeisterte Zuschauer schreibt also einfach: „Von welchem Designer sind die Stühle?“ Und erhält wenige Sekunden später Antwort von Johannes Lachermeier, Mitarbeiter der Oper. Auch so kann Kommunikation im 21. Jahrhundert aussehen.

Lachermeier ist begeistert von diesem modernen Medium. „Die Oper scheint für viele wie ein hermetisch abgeriegeltes Haus, da haben einige Menschen Berührungsängste. Durch Twitter fallen diese Barrieren weg – die Leute können einen Blick hinter die Kulissen werfen und sehen, dass auch da ganz normale Leute arbeiten“, sagt der 33-Jährige, der extra angestellt wurde, um sich um die Internet-Inhalte zu kümmern.

Lachermeier nennt das, was da über Twitter passiert, ein „permanentes Publikumsgespräch“. 24 Stunden, von montags bis sonntags. Und es wird rege genutzt: Die Bayerische Staatsoper hat über 9300 Abonnenten bei Twitter, sogenannte „Follower“ (zu Deutsch: „Anhänger“). Täglich können sie hier Probenfotos sehen, erfahren, wann es die ersten Tickets für eine neue Inszenierung gibt, oder erleben in kleinen Videos die Darsteller kurz vor ihrem Auftritt. Zum Beispiel. Lachermeier probiert immer neue Dinge aus, um mit dem Medium kreativ zu spielen.

Wie Ingo Sawilla. Auch er ist sogenannter „Social Media“-Experte, nicht von der Staatsoper, sondern vom Münchner Residenztheater. Und auch er liebt es, dieses Medium auf immer neue Weise zu erproben und dadurch die Theaterlandschaft ein Stück weit zu verändern. Er nennt es einen „digitalen Tag der offenen Tür“. Tagein, tagaus. Sein Anspruch: „Wir wollen kein Vertriebskanal für noch nicht verkaufte Karten sein, sondern Ansprechpartner für die Zuschauer. Und das rund um die Uhr.“

Im vergangenen Dezember beteiligte sich das Residenztheater an der „Twitter-Theater-Woche 2013“ – ein Experiment von fünf deutschen Theatern, die jeweils an einem Tag der Woche Aktionen über Twitter organisierten (wir berichteten). Im Resi setzten sie damals fünf Menschen mit ihren Mobiltelefonen auf die Theaterbühne im Stück „Flegeljahre“ und ließen sie live darüber „zwitschern“ (deutsche Übersetzung für „twittern“). Sprich: Sie kommentierten die Inszenierung zeitgleich im Internet. Für alle, die nicht im Saal saßen, sondern vor den Bildschirmen oder Handys. Ein bisschen wie der Liveticker bei Fußballspielen.

Ist das die Zukunft: Echtzeit-Nachrichten aus dem Theater, über das Smartphone versendet? Carolina Zimmermann von den Münchner Kammerspielen verneint das für ihren Arbeitgeber: „Weder jetzt noch in nächster Zukunft soll bei uns im Zuschauerraum getwittert werden“, sagt die „Social-Media“-Redakteurin der städtischen Bühne. Ausnahme: Sonderveranstaltungen etwa im Rahmen der Theaterpädagogik. „Wir machen zum Beispiel bei dem Projekt ,World Wide: Work‘ mit: Ein weltweites Kulturprojekt, an dem sich die Teilnehmer über das Internet beteiligen können.“

Das nächste Mal wird am 23. Februar in Mexiko, Rom und München über humane Arbeit diskutiert. Twitter-Nutzer können sich über das Internet in die Diskussion einschalten, an der in diesem Fall auch der Autor Günter Wallraff teilnimmt. Zimmermann: „Wenn man Twitter auf diese Weise nutzt, ist der Dienst eine tolle Möglichkeit, Interesse zu wecken und so eine Bindung zum Publikum herzustellen.“ Neulich hat sie sich mit einem Regisseur des Thalia Theaters in Hamburg unterhalten. Der stellt sogar Live-Aufnahmen der Vorstellungen ins Netz. Weil er keine Angst hat, dass die Leute wegbleiben, die sonst kommen würden. Im Gegenteil: Er freut sich, auch jenen das kulturelle Gut Theater präsentieren zu können, die sonst keinen Zugang hätten. Sei es aus Geldmangel, sei es aus Scheu. „Das Internet wird nie Ersatz sein für das Live-Erlebnis. Aber es ist ein tolles Zusatzangebot. Und das wollen wir nutzen.“ In 140 Zeichen.

Von Katja Kraft

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