Typisch München!

- Das Münchner Stadtmuseum musste so manchen Sturm der Kritik über sich ergehen lassen. Insbesondere der Stadtrat wünschte sich ein anderes Konzept. Das Haus selbst besteht aus vielen Sammlungen von Volkskunde über Grafik und Gemälde bis Möbel, Mode, Puppentheater und Schaustellerei, von Musikinstrumenten, Kunsthandwerk, Skulpturen über Architekturmodelle bis zum Foto- sowie Filmmuseum. Darüber hinaus wird die NS-Zeit in München erläutert. Oberster Chef des kulturhistorischen Museums ist Wolfgang Till, wobei die meisten seiner Kollegen selbstständige Sammlungsleiter sind. "Durch die Dramatik des Umbaus macht mir die Arbeit ­ die schönste, die es gibt ­ noch einmal richtig Spaß", bekennt Till, der 2009 aus dem Amt scheiden wird.

Das Haus war massiven Angriffen ausgesetzt. Wie ist der aktuelle Stand?

Wolfgang Till: Das erlebe ich seit etwa eineinhalb bis zwei Jahren. Jetzt ist Ruhe eingekehrt. Dadurch dass wir dem Stadtrat unsere große Vorlage unterbreitet haben, ist die Luft rausgelassen worden. Aber unser Haushalt ist immer noch in einem katastrophalen Zustand. Seit 1995 sind immer mehr Nägel in die Betonsäule Stadtmuseum eingeschlagen worden, und deswegen ist sehr viel Beton zerbröselt. Zunächst denkt man ja: Es geht schon noch. Nun haben wir den Moment erreicht, an dem die Säule bricht. Die Mittel haben sich mehr als halbiert. Es kommen dann noch andere Haushaltsprobleme dazu wie gestiegene Energiekosten und die Umstellungen im Elektronikbereich.

Wir versuchen, um Geld zu verdienen, neue Wege zu gehen, etwa indem wir Räume vermieten, einen Laden haben, Veranstaltungen anbieten.

Sie planen für den Mai 2008, für die 850-Jahr-Feier der Stadt, eine neue Dauerausstellung über Stadtkultur: "Typisch München!" Was hat man darunter zu verstehen?

Till: Wir erfüllen damit auch die Erwartungen des Stadtrats; wir selbst hatten nicht so recht geglaubt, dass solch eine ständige Schau ein Besucher-"Bringer" wird. Die Präsentation ­ auf 2000 Quadratmetern ­ wollen wir witzig gestalten. Und sie soll immer wieder modifiziert werden. Wir versuchen, das Phänomen zu fassen, was neumodisch "Alleinstellungsmerkmal" der Stadt genannt wird.

Der Kern ist die Konzentration auf das Bürgerliche. Wann beginnt das städtische Selbstbewusstsein? Alle Abteilungen werden beteiligt sein vom Film bis zum Möbel ­ auch in Ensembles ­ in mindestens vier großen Räumen. Enden wird der Überblick 1972 ­ und mit einer Verlängerung zur Fußball-Arena. Kunst und Bier ziehen sich durch ­ als Gene der Münchner DNA-Spirale.

In Ihrem Haus tummeln sich viele Sammlungen, die Schätze scheinen unerschöpflich. Wie kann man sie alle besser ins Bewusstsein rücken?

Till: Ja, sie alle müssen in ihrer Welt glänzen. Ich glaube, es gibt kein wirtschaftlicheres Modell als unsere vielen einzelnen Museen unter einem Dach. Der Frust des Stadtrats bewirkte, dass ein Gutachten erstellt wurde: Die Kommunikations-Fachleute meinten, wir müssten als Stadtmuseum, als Einheit, auftreten und nicht jede Einzelabteilung für sich. Aber ich will auf alle Fälle die Strahlkraft und Kompetenz der einzelnen erhalten. Man hätte sehen müssen, dass wir unser Geld eben auch für Film-Reihen, Puppentheatervorstellungen oder Konzerte ausgeben. Aber viele Kritiker wussten einfach nicht Bescheid.

Wie groß ist Ihr Budget; und wie groß müsste es sein, um einen gut funktionierenden Museumsbetrieb zu haben?

Till: Ach, das ist utopisch! Wenn Sie zum Beispiel Fotomuseen anderer Länder anschauen, dann haben die eine fünffache Personalausstattung. So ähnlich ist es in allem. Hoffen wir, dass die "Konsolidierung" zu Ende geht und München bald in Geld schwimmt und dass die Stadt dann nicht vergisst, wo die Bedürfnisse liegen. Unsere eigenen Bemühungen um Verdienstmöglichkeiten kämen hinzu. Wenn die öffentliche Hand das nicht ausnutzt, sich noch mehr aus der Finanzierung zurückzuziehen, könnten wir in angemessener Ausstellungs-Frequenz alle Abteilungen zu Wort kommen lassen.

Die Leitung des Modemuseums ist derzeit unbesetzt. Dort waren exzellente Ausstellungen zu erleben. Wie geht‘s weiter?

Till: Es wird als Erstes nach dem neuen Modell funktionieren: Nach außen ist es ein Teil des Münchner Stadtmuseums; nach innen, vor allem in Bezug aufs Fachpublikum, bleiben es und die übrigen Einrichtungen erhalten, weil sie ja weniger auf München, sondern eher global ausgerichtet sind. Mode hat keinen festen Ort mehr im Haus, sondern wird in den allgemeinen Ausstellungsteil integriert.

Ist das nicht zu wenig?

Till: 2009 wird es eine an Mode ausgerichtete Schau geben. Weiteres ist nicht mehr zu finanzieren. Wir haben 200\x0f000 Euro insgesamt für Ausstellungen und Veranstaltungen. Davon gingen 100\x0f000 Euro ans Modemuseum. Das ließ uns kaum mehr die Möglichkeit, anderes zu zeigen. Ich muss darauf achten, dass es zwischen den verschiedenen Abteilungen eben nicht zu Kannibalisierungen kommt.

Wie ist die bauliche Situation derzeit?

Till: 2007 wird ein Baustellen-Jahr sein mit einem Notprogramm an Ausstellungen, zum Beispiel zum 200. Geburtstag von Graf Pocci. Das Zeughaus am St.-Jakobs-Platz wird umgebaut. Der Trakt am Oberanger/ Rosental ist sehr marode. Er wird ab 2009 renoviert.

Im März entlassen Sie das Jüdische Museum in die Selbstständigkeit.

Till: Ja, das haben wir bisher auch noch mitgeführt, zusammen mit dem Stadtarchiv. Es war richtig, dass wir den Funken dieses kleinen Hauses in der Reichenbachstraße nicht verlöschen ließen. Dadurch blieb der Druck auf die Öffentlichkeit erhalten, das große Museum zu bauen. Es wird toll. Die Zusammenarbeit mit Bernhard Purin ist höchst erfreulich. Das Jüdische Museum ist autonom; aber wir werden weiterhin die Konten mitverwalten. Jede Form von gegenseitigem Nutzen bleibt erhalten.

Das Gespräch führte Simone Dattenberger

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