Ein erstaunliches Rollendebüt als Gilda liefert Patricia Petibon im neuen Münchner „Rigoletto“

Premierenkritik

Ein typisches Staatsopern-Kind

München - Arte povera im XXL-Format: Árpád Schilling inszenierte, Marco Armiliato dirigierte „Rigoletto“ im Nationaltheater. Die Premieren-Kritik.

Der Tod sieht anders aus. Und auch wenn Sparafucile das Messer an Gildas Kehle ansetzt – nicht rotes Blut ist es, das ihr weißes Kleid befleckt, sondern schwarze Farbe. Am Ende, wenn alle Kulissen weggerollt wurden, verlässt auch sie den Vater, irrt auf nachtleerer Bühne davon. Nicht gemeuchelt ist diese Gilda, sondern beschmutzt, zumindest in den Augen Rigolettos. Weil sie, die Überbehütete, den Käfig satt hat. Was sich Papa als Fluch denkt, ist also eigentlich anderes. Ein Vater-Tochter-Zwist, eine Loslösung, ein Generationenkampf.

Ein Bild ist das in diesem neuen „Rigoletto“ der Bayerischen Staatsoper, bei dem einen zwei, drei Lichtlein aufgehen. Auch andere gibt es. Den starken Beginn zum Beispiel. Eine Chortribüne, eine bedrohlich eingefrorene, maskierte Masse, davor macht Verdis Banda Hmpftata, und der Herzog samt Kumpels begaffen geil das Schaustöckeln der Weiblichkeit. Dann geht ein Riss durch die Phalanx, und der fluchende Monterone erscheint im Gegenlicht. Grandios. Oder dieser Rollstuhl mit den übergroßen Rädern, in den sich erst der sinnierende Rigoletto, später auch der Herzog und Gilda setzen. Ein Symbol für Versehrtheit, Anti-Thron, Verhörstation und vielleicht auch Todesstuhl, eines dieser surrealen Zeichen jedenfalls, die Árpád Schilling mit Ausstatter Márton Ágh für seine Neuinszenierung ersann.

Dass die den Verdi-Connaisseur nicht überfüttern will, ist schön. Das Stück, bestechend in Musik, Konzeption und Dramaturgie, ist schließlich stark genug. „Rigoletto“ als Entblößung also, als Reduktion auf wenige Riesenzeichen. Als anti-illusionistisches, auch abstrahierendes Theater. Ein weißer Vorhang trennt da Öffentlichkeit von Zweisamkeit, lässt einmal unheilvoll eine gigantische Pferdeskulptur durchscheinen. Eine Gardine freilich, so groß wie auch immer, macht noch keinen Brecht. Und es scheint, als sei Árpád Schilling, der ungarische Schauspiel-Experimentator, bei der intimen Form besser aufgehoben als jetzt beim Ernstfall Nationaltheater, man denke nur an seine „Cenerentola“ im Cuvilliéstheater.

Schillings bescheidene Theatralität greift hier nicht. Arte povera im XXL-Format, das verursacht viel Unschlüssiges. Hie und da hängen Ideenfransen in diesem „Rigoletto“ heraus. Uneindeutig ist vieles, nur dekorativ, und viel zu oft gibt es den Rückfall in Opas Oper, wenn die Solisten – Flucht an die Rampe, rechtes Bein auf den Souffleurkasten – mit grimmigem Blick ins Parkett ihre Cabaletta verschleudern. Ein Gedankenexperiment: Man denke sich die weich geschnittenen Anzüge in Beige und Weiß oder des Herzogs Strickjacke weg, ersetze sie durch Pluderhose und Wams, voilà, schon ist man bei Franco Zeffirelli oder Otto Schenk.

Immerhin, spürbar ist der Wille, es bei Verdi mal anders zu versuchen. Und der schlägt durch bis zur Besetzung. Patricia Petibon lässt ihre Gilda nicht als lyrisches Täubchen tirilieren. Ein paar Stellen im „Caro nome“ klingen auch verhärtet und verengt. Doch das herbe, faserige Timbre, ihre Körpersprache ohne Klischeegestik zeigen: Diese Gilda leidet nicht elegisch, sie kämpft. Um den Herzog, um ihre Freiheit. Ein erstaunliches, so nicht erwartetes Rollendebüt. Mehr Fragezeichen bei der Titelrolle. Warum ist dieser Rigoletto so ganz anders? Warum zieht er den Hass der Höflinge auf sich? Der Narrenbuckel, so etwas ist ja längst passé. Aber was bei Schilling an dessen Stelle tritt, sieht man nicht. Da kann Franco Vassallo noch so viel mit Zynismus ätzen, kann seinen Bariton ins verkniffene Piano dimmen oder prachtvolle Dezibelwerte produzieren.

Nicht satthören kann man sich an Joseph Callejas Herzog. Seine Stimme ist nachgedunkelt, hat an Dimensionen und Farben gewonnen. Hörbar steuert der Malteser auf Heldischeres zu, und in spätestens zehn Jahren dürfte Calleja das italienische Fach dominieren – wobei es schade wäre, wenn die verführerische Süße dieses Timbres verlorenginge. Das Beschwingte des Herzogs, die Sorglosigkeit, das Zärteln, aber auch das Gebieterische, alles nimmt man Calleja, diesem sonnigen Musterstilisten, ab. Das stete Räuspern mag man unter Nervosität verbuchen. Und dass er mit (zu) viel Dampf startet, richtet auch den Blick auf den Dirigenten.

Marco Armiliato kann man gewiss ohne Wiederaufnahme-Probe in eine laufende Produktion werfen, und heraus kommt ein leidlich spannender Abend. Das Problem: Auch diese Premiere klang so. Mit Zug, Biss und viel Brio. Aber auch indifferent laut und unpräzise. Eine Chornummer entglitt fast völlig. Und angesichts Armiliatos flatterhafter Zeichengebung, die kaum zum Gegensteuern geeignet ist, beneidet man die Sänger nicht.

Bravo-Stürme, Schilling musste sich heftigen Buhs stellen. Auch dieser „Rigoletto“ ist ein typisches Staatsopern-Kind. Herausragende, konkurrenzlose Sänger bis in die Nebenrollen (Dimitry Ivashchenko, Münchens künftiger Boris Godunow, als Monterone/Sparafucile etwa). Und was die Bühne betrifft, liefert das Programmheft viel mehr Substanz als die Szene. Doris Dörries Affen-„Rigoletto“, wenigstens das, ist damit Geschichte.

Von Markus Thiel

Weitere Aufführungen

am 19., 21., 25., 28. und 30. Dezember (alle ausverkauft), Karten: 089/ 21 85 19 20; kostenloser Live-Stream im Internet am 30.12., 18 Uhr, unter www.staatsoper.de/tv

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