Über eigene Grenzen hinaustanzen

- Münchens Ballettwoche eröffnet heute im Nationaltheater mit "Porträt Mats Ek", einer Hommage an den schwedischen Modern-Dance-Meister. In dem älteren "A sort of" (1997) und dem für München neu hinzukommenden "Apartment" (2000) gibt es zwar keine Hauptrollen mehr wie noch in Eks "Giselle"-Version, dennoch tänzerisch-expressive Partien. Denn Ek teilt immer etwas mit über den Menschen in seinen erträumten und durchlittenen Beziehungen. Valentina Divina, eine in Konstanze Vernons Bosl-Stiftung ausgebildete Tänzerin, ist in beiden Stücken zu sehen.

<P>Paar-Beziehungen bei Ek hängen an einer Art Psycho-Widerhaken. In "A sort of" haben Sie schon 2001 diese Frau im Herrenanzug mit Buckel getanzt, Norbert Graf hingegen in einem langen, eher femininen Mantel . . .<BR><BR>Divina: Es geht hier um eine starke Beziehung, vor allem um eine sehr starke Frau. Man kennt ja aus dem Alltagsleben den Ausdruck "die Frau hat die Hosen an".<BR><BR>In "Apartment" entspinnen sich in elf Bildern zwischen Tür, Sofa, TV, Herd und Bidet auch wieder Beziehungen . . .<BR><BR>Divina:  . . . die etwas über die Einsamkeit der Menschen erzählen. Man kann eine Beziehung haben über Jahre und ist trotzdem einsam. Das ist das große Thema. Nach jedem Bild geht deshalb dieser rote Theatervorhang runter. Und es folgt eine neue Einsamkeit, eine neue Paar-Problematik. Da ist ein junges Paar, das sich gerade entdeckt. Dann ein Paar, das sich auseinander gelebt hat, aber nicht die Kraft für die Trennung hat. Und schließlich eine Beziehung, wo jeder schon ganz für sich lebt. Beide berühren sich gar nicht mehr.<BR><BR>Eks vehement körperlicher Stil in "A sort of", das verlangt ganz schön was von den Tänzern.<BR><BR>Divina: Das Moderne ist sowieso viel schwieriger, weil es sehr in den Boden hinein geht. Bei "A sort of" tanzen wir außerdem in ganz normalen Straßenschuhen, teilweise sogar mit hohen Absätzen. "Apartment" ist im Bewegungsvokabular noch mal eine Nummer physischer, athletischer, extremer. Mats Ek wird mit jeder neuen Choreographie weiter, größer. Und geht immer mehr weg vom Klassischen.<BR><BR>Anstrengend?<BR><BR>Divina: Sehr anstrengend. Aber sehr faszinierend, weil man über die eigenen Grenzen hinaustanzt. Weil er es vormachen kann, mit mehr Kraft, mehr Entspanntheit und Dynamik, als alle zusammen von uns haben. Da entdeckt man in sich eine Kraft, die man nie geahnt hätte.<BR><BR>In "Apartment" geben Sie das mittlere Paar mit Roman Lazik. Ist das anders als mit Norbert Graf, der ihr Lebenspartner ist?<BR><BR>Divina: Zu Norbert kann ich auch mal zu Hause sagen: Können wir noch mal diese eine Bewegung durchmachen, kannst Du da ein bisschen näher stehen oder weiter weg? Also außerhalb der Proben an etwas feilen.<BR><BR>Ihre private Beziehung scheint ein Fels in der Brandung des schnellen Partnerwechsels . . .<BR><BR>Divina: Seit 14 Jahren. 1989, als Konstanze Vernon das Staatsballett übernahm, kam ich nach drei Spielzeiten in John Neumeiers Hamburg Ballett nach München zurück. Norbert, frisch von der Bosl-Stiftung, und ich sollten den Frühlings-Pas-de-deux in "Cinderella" lernen. Da hat's gleich gefunkt.<BR><BR>Und wie geht das mit der Haushaltsarbeit, bei zwei hart schuftenden Tänzern?<BR><BR>Divina: Norbert packt mit an. Das ist bei uns richtig halbe, halbe.<BR><BR>Schon mal so ein bisschen an später gedacht?<BR><BR>Divina: Ich habe das Gefühl, dass mein Körper mit dem Älterwerden beweglicher wird - stärker, besser eigentlich. Aber natürlich denken wir voraus. Ich habe ja auch das Pädagogik-Studium an der Bosl-Stiftung absolviert. Und ich habe schon choreographiert. Das hat mir Spaß gemacht, aber es war bei mir eher eine ganz "egoistische" Studie, um mich selbst weiter zu entwickeln. Ich merke ja, dass ich jüngeren Kollegen gerne mal einen Tipp geben würde . . . Ich sehe meine Zukunft schon im Unterrichten.</P><P>Das Gespräch führte  Malve Gradinger<BR><BR></P>

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