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Zum letzten Mal ist Christian Stückls Inszenierung des „Jedermann“-Spiels in Salzburg zu erleben; hier mit Birgit Minichmayr als Buhlschaft und Nicolas Ofczarek in der Titelrolle.

Salzburger Festspiele: Über Geld spricht man doch

Salzburg - Die Festspiele beginnen heuer früher: Das Auftakt-Konzert in Salzburg unter dem neuen Führungsteam findet schon am Freitag statt.

Manchmal liefern sie sich auch einen kleinen Wettbewerb. 900 000 Euro hatte Alexander Pereira gerade einem Sponsor abgeknöpft, da kam Helga Rabl-Stadler am selben Tag aus London mit triumphierendem Gesicht zurück: Auch sie hatte 900 000 Euro in der Tasche. Die Festspielpräsidentin und der neue Intendant – ein Duo infernale, wenn’s ums Melken der Mäzene geht.

Eine neue Ära, wie es so schön heißt, startet in dieser Woche in Salzburg. Bezeichnenderweise mit einem Urknall: Haydns „Schöpfung“ wird am Freitag beim Eröffnungskonzert gespielt, John Eliot Gardiner dirigiert. Und wohl noch nie in der jüngeren Festivalhistorie wurde vor einem solchen Umbruch vor allem über eines geredet: übers Geld. Künstlerische Leitlinien? Programmfäden? Andere Meldungen von der Pereira-Front sind gerade wichtiger. Den Umsatz der dortigen Pfingstfestspiele hat der neue Intendant gerade verdoppelt. Und fürs jetzt anbrechende Sommerfestival meldet Pereira ein Plus von 24 Prozent bei den Kartenbestellungen.

Letzteres liegt allerdings auch daran, dass der Intendant die Festspiele um eine Woche nach vorn verlängert hat. Salzburg beginnt mit einer „Ouverture spirituelle“, mit einer Reihe hochkarätig besetzter geistlicher Konzerte. Ein besonderes Steckenpferd von Alexander Pereira, der schon an seiner bisherigen Wirkungsstätte, an der Oper Zürich, als Konzertveranstalter „im Nebenberuf“ aufgefallen war.

Anders als seine Vorgänger, als der zerknautscht-pfiffige Jürgen Flimm, der kühle Peter Ruzicka oder der intellektuelle Krawallo Gerard Mortier, versteht sich der 65-jährige Alexander Pereira als Prinzipal alter Schule. Fast zwei Jahrzehnte lang hat das in Zürich funktioniert. Opernkulinarik mit großen Namen, dies gestützt von einem potenten Mäzenatenkreis. Zuletzt freilich schwächelte selbst das Schweizer Haus. Nur noch rund 80 Prozent Auslastung – höchste Zeit also, dass sich Pereira mit einem Wechsel an die Salzach den Zürcher Nachruhm erhält.

Ein künstlerisches Profil ist jetzt, so kurz vor dem Salzburger Festspielstart, noch nicht erkennbar. Den Glamour bedient Pereira mit einer Netrebko-Premiere („La Bohème“), Mozartjünger geraten bei der Wiederkehr von Nikolaus Harnoncourt ins Frohlocken („Zauberflöte“), und ambitioniert gibt man sich mit Zimmermanns „Soldaten“, ab 2013 sogar mit Uraufführungen: György Kurtag, Thomas Adès und Jörg Widmann erhielten bereits Kompositionsaufträge.

Sven-Eric Bechtolf, der neue Schauspielchef, soll das Theaterprogramm nach Pereiras Willen „internationalisieren“. Nur Stücke fürs deutsche und österreichische Publikum, das ist dem Intendanten zu wenig. Vor allem aber soll Bechtolf offenbar für einen neuen „Jedermann“ sorgen. 2013, wenn Christian Stückl fürs Salzburger Zentralwerk nicht mehr verantwortlich zeichnen will, wird sich offenbar Bechtolf in den Regiestuhl setzen. So wie schon heuer bei Strauss’ „Ariadne auf Naxos“. Salzburg knüpft damit an die Zeiten eines Peter Stein an: So prominent wurde der Schauspielchef der Festspiele schon lange nicht mehr platziert.

Typisch Salzburg ist, dass Hobbysegler Alexander Pereira bereits mit Gegenwind kämpfen muss. Die einen werfen ihm vor, er verpflanze sein Zürich-System nach Salzburg (was angesichts vieler Personalien vom Betriebsdirektor bis zur Sänger-Riege teilweise auch stimmt). Die anderen sind eingeschnappt, weil der Österreicher mit Rücktrittsdrohungen die Politik in die Enge treibt.

Der Grund: Kürzlich forderte Pereira für 2013 eine Erhöhung des Budgets von 57 auf 64 Millionen Euro. Er wolle es nicht hinnehmen, dass die Tarifsteigerungen nicht mehr von der öffentlichen Hand aufgefangen werden. Salzburg kurz vor Festspielstart also ohne Intendant? Mittlerweile haben sich die Verantwortlichen zusammengesetzt. „Da sind mir wohl die Pferde durchgegangen“, erklärte Pereira reumütig – um sogleich für 2013 ein noch umfangreicheres Programm anzukündigen. Verdi- und Wagner-Jahr, das muss auch an der Salzach gefeiert werden. Unter anderem mit einer Kampfansage an Bayreuth, mit der Premiere der „Meistersinger von Nürnberg“.

Markus Thiel

Salzburger Premieren:

Opern: „Die Zauberflöte“ von Mozart am 27.7. (Dirigent: Nikolaus Harnoncourt, Regie: Jens-Daniel Herzog);

„Ariadne auf Naxos“ von Strauss am 29.7. (Daniel Harding, Sven-Eric Bechtolf);

„La Bohème“ von Puccini am 1.8. (Daniele Gatti, Damiano Michieletto);

„Das Labyrinth“ von Peter von Winter am 3.8. (Ivor Bolton, Alexandra Liedtke);

„Die Soldaten“ von Zimmermann am 20.8. (Ingo Metzmacher, Alvis Hermanis);

Schauspiel: „Prinz Friedrich von Homburg“ von Heinrich von Kleist am 28.7. (Regie: Andrea Breth);

„Peer Gynt“ von Ibsen am 30.7. (Irina Brook);

„Das Mädchen aus der Feenwelt oder Der Bauer als Millionär“ nach Raimund am 7.8. (Joachim Torbahn, Tristan Vogt);

„Meine Bienen. Eine Schneise“ von Händl Klaus/ Franui am 23.8. (Nicolas Liautard).

 

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