Über die Heiligkeit des normalen Lebens

- Taufe, Kommunion, Firmung, Ehe, Priesterweihe, Beichte, Letzte Ölung. Die sieben Sakramente. Neben anderem die Kernpunkte des katholischen Glaubens. "Die sieben Sakramente - Abigail O'Brien und der ritualisierte Alltag" heißt die Ausstellung im Münchner Haus der Kunst, in der sich die 1957 geborene irische Künstlerin mit diesen "geweihten" Wendepunkten eines Menschenlebens beschäftigt hat.

<P> O'Brien hat sich sieben Jahre mit dem Thema auseinander gesetzt, das man nur als Motiv aus kunsthistorischen Vorzeiten kennt. Sie übernimmt zwar diese Stafette, äußert sich aber sehr heutig, sehr persönlich und wohl auch sehr irisch. In unseren Klischees galt ihre Heimat als Hort eines armen, aber fröhlichen Katholizismus'. Dies Idyll zerbröckelte in der letzten Zeit, zum Vorschein kam Religions-Terror mit einer Menschenverachtung zwischen sexuellem und seelischem Missbrauch.</P><P>All das schwingt mit in Abigail O'Briens Installationen aus hyperklaren Fotografien, realen Gegenständen wie Taufkleidchen oder Tisch, Holzskulpturen-Broten, Gemurmel vom Band und einem Eis-Kelch namens "Dahinschwinden". Aber immer ohne jeden Hauch von Propaganda, Polemik, Plakativität. Massiv ist allerdings ihr Frauen-Statement: Männer kommen bei den "Sieben Sakramenten" nicht vor. Selbst bei der "Priesterweihe" gibt's nur den "Himmlischen Garten" aus Silber-Bäumchen unter Glassturz, aus Fotos von zusammengeschnürten Pflanzen aus dem Gartenbetrieb, in Form geschnittenen Büschen, entwurzelten Bäumen - und eine Gärtnerin. Die Künstlerin öffnet mit solchen Installationen Assoziationsfelder, die der Betrachter nach Sinn-Schichten frei durchpflügen kann. </P><P>Sie hat auch keine Angst vor Plattitüden, lässt so manches in den Bannkreis des Kitsches gleiten, der unser Leben begleitet. In dem "Taufe"-Arrangement inszeniert sie die zuckrige Duziduzi-Babywelt mit viel Rosa, vielen Spitzentüchlein, Rüschen und Nippes. Im Süßlichen spürt sie aber auch die Freude am Nachwuchs, die Wärme der familiären und religiösen Gemeinschaft auf. Sie stellt genau - wie die alten Maler einst - Körperhaltungen und Blickachsen von Mutter und Kind. Verfremdet das Bad auf diese Weise zur typischen herzigen Fotopose und gleichzeitig zum auratischen Ritus. O'Briens Sinn für Humor wird noch deutlicher beim "Letzten Abendmahl", das sie mit der Ehe verquickt. Die Tafel ist bis auf ein einzelnes Gedeck leer. An der Wand dahinter erzählen Fotos mit insgesamt zwölf Frauen - die Jesus-Stelle bleibt unbesetzt - von banalen Hochzeitsvorbereitungen.</P><P>Das Ganze ist im Haus der Kunst eine stimmige Einheit geworden: Abigail O'Brien und Kuratorin Stephanie Rosenthal verzahnten die einzelnen Sakraments-Installationen so klug, dass ein Lebensbild entsteht: das der Frauen. </P>Bis 12. April; Tel. 089/21 12 70; Katalog, Steidl Verlag: 19 Euro.

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