Über den Mangel an Liebe

- In der UdSSR der 70er-Jahre als Dissident zur Ausreise gedrängt, heute gefeiert: Boris Eifman, Russlands neuer Choreographie-Star. Man schätzte damals wohl seine Arbeiten für die St. Petersburger Waganowa-Akademie und Werke wie "Gajaneh" und "Feuervogel", 1972 und 1975 für das Maly- und Kirow-Ballett, aber insgesamt entsprach der heute 59-Jährige nicht den Maßgaben der "Sowjetkunst". Vergangenheit. Seit Anfang der 90er-Jahre tourt Eifman um die ganze Welt. Auf Initiative der Münchner "Altenhilfe Moskau e. V." ist sein 50 Tänzer starkes Ballett-Theater St. Petersburg nun erstmals hier zu sehen mit "Anna Karenina" zu Musiken von Tschaikowsky (29. 10., Prinzregententheater).

Andere Künstler wären gerne ausgereist. Sie sind geblieben, haben es auf sich genommen, mit Ihrer freien Compagnie in Schulhallen und Hotelsälen aufzutreten . . .

Boris Eifman: Ganz nah an der großen russischen Tradition, an der russischen Seele, nur da kann ich kreieren. Ich bin froh, dass ich durchgehalten habe. Jetzt kann ich mich in Russland ganz frei fühlen, werde auch vom Staat ein bisschen unterstützt. Damals hat die kommunistische Kulturaufsichtsbehörde meine Ballette als Pornographie abgestempelt, und wir durften zehn Jahre lang nicht einmal im Ausland gastieren.

Was war damals so provokativ? Ihr Stil ist doch im Grunde klassisch mit modernen Einflüssen.

Eifman: Ich habe schon früh Musik von Pink Floyd und MacLaughlin verwendet, auch mit neuen Ideen ein neues, ein junges Publikum gewonnen. Was den Stil betrifft: Ich komme aus der klassischen Tradition und war nie darauf aus, den neuesten Trends zu folgen. Ich wollte nie etwas zerbrechen, nie modern sein oder revolutionär, sondern: evolutionär. Ich habe eigentlich immer aus meiner eigenen Fantasie geschöpft. Einflüsse von außen gab es nicht. Die UdSSR war ja sehr abgeschottet.

Aber es gab doch in Russland selbst auch ein paar Neuerer, Leonid Jacobson zum Beispiel, der ja wegen seiner unkonventionellen Bewegungsformen im kommunistischen System umstritten war.

Eifman: Ja, Jacobson war eine große Persönlichkeit. Er war zu meiner Ausbildungszeit Berater am Konservatorium. Und ich stand seiner Familie nahe. Auch Fedor Lopuchow (ehemaliger Leiter des Malytheater- und des Kirow-Balletts, die Red.) experimentierte mit neuen Ausdruckformen, wie auch Kasjan Goleisowski, von dem der junge George Balanchine viel gelernt hat. In den 20er-Jahren kamen aus Russland ja überhaupt viele neue künstlerische Ideen. Mit Stalin wurde das dann alles erstickt.

"Der Meister und Margarita", "Die Brüder Karamasow", "Der russische Hamlet" - Sie choreographieren oft nach literarischen Vorlagen. Was hat Sie an Tolstois "Anna Karenina", interessiert? Anna, eine aus Liebe aus ihrer glücklosen Ehe ausbrechende Frau, die am Ende seelisch vereinsamt Erlösung durch Selbstmord sucht.

Eifman: Ich wollte ein Ballett über die Liebe machen, über den Mangel an Liebe in unserer aktuellen Welt. Ich wollte mich in diese Frau hineinversetzen, in ihr seelisches und erotisches Erleben. Und ich wollte ihre gesellschaftliche Abhängigkeit zeigen und zugleich, wie sie diese überwindet.

Choreographieren Sie auch für andere Ensembles?

Eifman: Dazu lässt mir das eigene keine Zeit. Aber Vladimir Malakhovs Berlin Ballett bringt im Mai 2006 mein Ballett "Tschaikowsky" in überarbeiteter Form zur Premiere.

Das Gespräch führte Malve Gradinger

Karten über München Ticket (089/ 54 81 81 81) und über Altenhilfe Moskau (0700/33 30 44 40).

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