Über dem Radarschirm

München - Der Mann fällt auf. Nicht nur weil er als stattliche Erscheinung geschätzte 95 Prozent seiner Kollegen überragt. Auch wenn er den Mund aufmacht ­ Steven Humes, Bassist im Ensemble der Bayerischen Staatsoper, hat keine Stimme von der Stange. Sehr charakteristisch gefärbt, sonor, mit einer imponierenden Tiefe gesegnet, kurz: von der der ersten Sekunde an wiedererkennbar.

Bayerische Staatsoper: Ensemblemitglied Steven Humes ist bereit für Größeres

Dass der 37-Jährige ab kommenden Sonntag den Wurm in der Wiederaufnahme von Verdis "Luisa Miller" übernimmt, wurde auch Zeit. Größere Rollen, mal abgesehen von Publio in Mozarts "Titus" oder Masetto im "Don Giovanni", vertraute man ihm bislang nicht an ­ warum auch immer. "Ich war eben unter dem Radarschirm", sagt Steven Humes. Übrigens in respektablem Deutsch. "Die Sprache habe ich auf der Bühne gelernt, nicht im Kurs. Und manchmal habe ich mich schon gefragt: Was bedeuten eigentlich Worte wie ,meinst oder ,ned?"

Mit den Feinheiten des bairischen Dialekts ist der Amerikaner inzwischen vertraut. Dabei war dies alles nicht so geplant. Denn als Steven Humes im Juni 2003, gerade zwei Wochen frisch mit seiner Frau Michelle verheiratet, den Anruf von der Bayerischen Staatsoper bekam und nach dem Vorsingen genommen wurde, dachte er sich: "Zwei Jahre Deutschland, dann bin ich wieder weg." Am Ende seiner ersten Münchner Spielzeit kam allerdings die Einladung für drei weitere Jahre, und mittlerweile ist Humes im Münchner Nationaltheater eine feste Größe.

Dass er in Boston Gesang studierte, in St. Louis und New Orleans erste Opernerfahrung sammelte, hatte er sich anfangs nicht vorstellen können. Seine Mutter sah ihn eigentlich als Pianisten. "Ich bin in keine musikalische Familie hineingeboren. In meiner Jugend kam ich kaum mit Kunst in Kontakt. Ich hatte gar nicht gewusst, dass man mit Gesang Geld verdienen konnte." Außerdem war da ein Problem: "Wenn zwei, drei Leute zuschauten, wollte ich nicht auftreten. Meine Familie sagte immer: Sing' doch mal, Steven. Da genierte ich mich."

Das hat sich gottlob gelegt. Wie bei vielen anderen Kolleginnen und Kollegen fiel die Stimme auf, als Humes Mitglied eines Chores war. Ermuntert wurde er auch in der Schule, wie er lachend erzählt. "Mein Lehrer sagte mir: 90 Prozent aller Bässe sind schlecht. Wenn du ein bisschen was kannst, machst du eine gute, wenn du besser bist, eine super Karriere." Mit 19 Jahren wurde Humes zu College-Zeiten entdeckt, das Studium brachte ihn 2003 ins Finale der Metropolitan Opera National Council Auditions, kurz bevor sich München meldete.

Und klar war stets: Da kann einer vokal ziemlich weit hinabsteigen. "Während ich an der Höhe arbeiten musste, hatte ich das untere E locker, inzwischen schaffe ich das tiefe B." Dementsprechend setzt sich das Repertoire des Amerikaners zusammen. Neben Osmin und Sarastro finden sich da Eremit und der Fasolt, mit dem Humes an der New York City Opera debütierte. Auch viel 20. und 21. Jahrhundert ist dabei. Gerade war Humes in Viktor Ullmanns Vertonung des "Zerbrochenen Krugs" an der Los Angeles Opera zu erleben. In München sang er in Schönbergs "Moses und Aron" und bei den Festspielen 2007 mit großem Erfolg den Herzkönig in Unsuk Chins "Alice in Wonderland".

Immer wieder bekam Humes in den letzten Jahren zu hören, er müsse sich in Geduld üben. Denn manchmal gibt sich die Opernszene einfallslos bis engstirnig. Stimmlich mögen nämlich manche Bassisten längst fürs seriöse Fach geeignet sein, doch bescheinigt wird ihnen stets: zu jung.

Diese Situation scheint sich nun endlich zu ändern. Neben dem Wurm wird Steven Humes in der nächsten Spielzeit eine weitere Filetpartie anvertraut: die des Sarastro in Everdings "Zauberflöten"-Dauerbrenner. Genaue Zukunftspläne hat sich der Bassist bislang (noch) nicht zurechtgelegt. "Klar ist, dass meine Reputation in den USA durch das Engagement an der Bayerischen Staatsoper steigt. Die Angst, dass ich in meiner Heimat vergessen werde, habe ich nicht mehr."

Immerhin hat Humes schon von allerhöchster Stelle eine Art Zertifikat bekommen. "Als Kurt Moll noch aktiv war und in München aufgetreten ist, durfte ich oft mit ihm arbeiten." Und irgendwann habe der große Kollege dann das ultimative Lob ausgesprochen, wie Steven Humes leicht errötend berichtet: "Sie sind ein echter Bass."

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

„Als Verbrecher wäre ich ein Versager“
Rupert Grint über die Gangsterserie „Snatch“ und sein Entkommen aus der Gefangenschaft des „Harry Potter“-Universums.
„Als Verbrecher wäre ich ein Versager“
„Tannhäuser“ in München: Zeit der Künstlichkeit
Eine bessere Sängerbesetzung für diesen neuen „Tannhäuser“ an der Bayerischen Staatsoper lässt sich nicht finden - wohl aber ein besserer Regisseur. Die rituellen Bilder …
„Tannhäuser“ in München: Zeit der Künstlichkeit
Weltstars inmitten der Natur - Dieses Festival ist eine Reise wert
Franz Ferdinand, Feist und Judith Holofernes sind nur drei Acts, die beim diesjährigen „Summer‘s Tale“ auftreten. Unter Musik-Kennern längst bekannt, ist das Festival …
Weltstars inmitten der Natur - Dieses Festival ist eine Reise wert
BR-Symphoniker erproben die Elbphilharmonie
Das BR-Symphonieorchester unter Mariss Jansons reiste von München nach Hamburg und gab sein Debüt in der Elbphilharmonie. Wir haben dieses besondere Gastspiel begleitet. 
BR-Symphoniker erproben die Elbphilharmonie

Kommentare