Über die Seufzerbrücke ins neue Reich

- Gerade noch geschafft. Rechtzeitig vor Wirtschaftsflaute und Spardiktat konnte die Bayerische Staatsoper ihr Betriebs- und Probengebäude am Marstallplatz auf den Weg bringen. Das Haus steht nun, die Belegschaft schneidert an Kostümen oder bastelt an Kulissen, auf den Probebühnen wird an aktuellen Produktionen gefeilt, "ein paar Verschönerungen", so Sir Peter Jonas, fehlen noch.

<P>Der Intendant ist stolz auf das Gebäude, das mittels einer "Seufzerbrücke" (ein interner Gag) an das Nationaltheater angedockt hat. Das schmucklose, enge Gänge-Labyrinth lässt kaum vermuten, welch Schätze der riesige Baukörper birgt. Zum Beispiel den Günther-Rennert-Saal mit seinen 630 Quadratmetern und neun Metern Raumhöhe, der so groß ist, dass Inszenierungen fürs Nationaltheater 1:1 vorbereitet werden können. Oder der Bruno-Walter-Saal, dessen 400 Quadratmeter Musikern, Choristen und Solisten bequemen Platz für Orchesterproben bietet, dessen Akustik überdies so hervorragend ist, dass er als Aufnahmestudio genutzt werden kann.<BR><BR>Das Gebäude erhebt sich fünf Geschosse über den Marstallplatz, große Fensterflächen erlauben also - falls es der Stress zulässt - wunderbare Blicke auf Münchens Mitte. Und in die Tiefe drang man mit drei Untergeschossen vor, ein Magazin, Probenräume für Musiker und den Chor wurden ganz unten eingerichtet. Kein Cent ist für das Haus geflossen, das in Kooperation zwischen öffentlicher Hand und einem privaten Investor entstand. Der Freistaat überließ diesem den Grund zur teilweisen gewerblichen Nutzung, der Investor baute dafür das neue Staatsopern-Juwel.<BR><BR>Ob sich die großzügigere Probensituation auf die Inszenierungen auswirkt? Die Spielzeit 2004/ 05, die Sir Peter Jonas gestern präsentierte, wird's weisen. Sein Haus bietet vier "echte" Premieren, eine Übernahme von der Hamburgischen Staatsoper (Christof Loy wird seine "Alcina" bearbeiten) und eine Neueinstudierung: Aus Spargründen kippte die Intendanz bekanntlich eine geplante "Zauberflöte" von Dieter Dorn, dafür wird die alte August-Everding-Version wiederbelebt.<BR><BR>Darüber hinaus gibt es interessante Repertoire-Besetzungen: Roberto Alagna singt den Cavaradossi in den Februar-"Toscas" (mal ohne Gattin Angela Georghiu), Peter Seiffert übernimmt den Parsifal in Konwitschnys Inszenierung (März), Anja Silja ist als Geschwitz in "Lulu" zu erleben (April), und José Cura meuchelt als Otello im Juli seine Desdemona Barbara Frittoli. "Die Frau ohne Schatten" kehrt mit Jon Fredric West, Luana DeVol und Deborah Polaski in den Spielplan zurück (Oktober), ebenso "L'incoronazione di Poppea" mit Anna Caterina Antonacci und Jacek Laszczkowski sowie Christof Loys grandioser "Saul" mit Jonathan Lemalu in der Titelrolle und Brian Asawa als David (beides April).<BR>Ohne Wildmosers Geld</P><P>Ein ambitioniertes Programm während der Opernfestspiele offeriert auch im kommenden Sommer wieder "Festspiel +", wie Jonas verdeutlichte. Zu Beginn lockt am 26. Juni die Festspiel-Nacht in die Fünf Höfe. Das Schauspiel Hannover gastiert mit "Der Tod und das Mädchen: Rosamunde" auf einen Text von Elfriede Jelinek (Regie: Ruedi Häusermann). Dazu gibt es unter anderem vier "Un-akademische Konzerte" und zwei spektakuläre Produktionen: Auf der Schleißheimer Flugwerft wird "Auf tönenden Flügeln" gezeigt, eine "Hommage an den Traum vom Fliegen", Sebastian Hess führt anschließend seine "Suite für zwei Flugzeuge, zwei Musiker und Live-Elektronik" auf.<BR><BR>Josef Bierbichler, Michael Tregor und Sportreporter Günter Koch sind die Mitwirkenden in der valentinesken Sprachoper "Heimspiel". Aufführungsort ist das Grünwalder Stadion. Wobei Peter Jonas versicherte: "Wildmoser hat uns keinen Pfennig gegeben - und Stoiber hat für den FC Bayern keinen angeboten."</P>

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