Über Steinewerfer und Danzigs Ehrenbürger

- Günter Grass und kein Ende. Natürlich ist es so, dass der Fall des Schriftstellers - das späte Geständnis seiner Mitgliedschaft bei der Waffen-SS - diverse "Trittbrettfahrer" auf den Plan ruft. Menschen, von denen sonst eher selten gesprochen wird, melden sich ungebeten zu Wort, um im Zuge der ausgiebigen Berichterstattung gleichfalls in den Medien mit vertreten zu sein.

Am erfolgreichsten brachte sich da bislang Hellmuth Karasek ins Spiel, der morgen nun zum dritten Mal scharf schießt. Mit Grass habe sich "ein Moralist selber zu Grunde gerichtet", wird er heute in der ARD-Sendung "Beckmann" sagen. Und: "Er war ja das Staatstragendste, was wir in Deutschland haben. Der ist ja gar nicht mehr aus den Wolken 'runtergekommen." Er rate ihm: "Runter vom Sockel. Jede Woche eine Resolution - das war schon ein bisschen anstrengend."

Polens Suche nach Distanz

Sehr viel ernster als das nicht uneitle Nachtarocken des Literatur-, Film-, Theaterkritikers und Autors ist zu nehmen, was Alt-Bundespräsident Richard von Weizsäcker zum Thema Günter Grass zu sagen hat. In der "Bild am Sonntag" versucht Weizsäcker, die Dimensionen wieder etwas zurechtzurücken: "Jetzt fallen alle Steinewerfer über ihn her. Und dafür trägt er die Verantwortung. An der Kraft seiner Literatur und seinen prägenden Leistungen für das deutsch-polnische Verhältnis nach dem barbarischen Krieg ändert das nichts!"

Auch in die in Polen heiß geführte Diskussion, ob die Stadt Danzig Günter Grass die Ehrenbürgerwürde aberkennen solle oder nicht, schaltet Weizsäcker sich ein: "Das bleibt ein vorübergehender Ausdruck einer gegenwärtigen polnischen Suche nach Distanz zum deutschen Nachbarn. Für mich selbst war die Herstellung von menschlichen und politischen Beziehungen zwischen uns Deutschen und dem ersten Opfer des zweiten Weltkrieges, also Polen, der prägende Grund, mich für ein politisches Mandat im Bundestag zu bewerben. Ich weiß aus langer Erfahrung, wie viel Günter Grass persönlich dazu beigetragen hat."

Gerade das aber ist der Punkt, in dem sich heute ein Teil der Polen durch Grass hintergangen fühlt. Morgen wird der Stadtrat von Danzig, der Heimatstadt Günter Grass', über seine Ehrenbürgerschaft entscheiden. Und es ist dabei nicht zu übersehen, dass das Thema Grass in Polen, wo es im Herbst Kommunalwahlen gibt, vor allem für eine Sache gut ist: zur Profilierung kontroverser politischer Standpunkte.

"Der Rat sollte nicht die Rolle eines Geschichtstribunals annehmen und menschliche Lebensläufe bewerten", so der liberale Bürgermeister Danzigs, Pawel Adamowicz. "Er oder ich!", droht erneut Friedensnobelpreisträger Lech Walesa, der seine Ehrenbürgerschaft der Stadt zurückgeben will, falls Grass die seine behalte. Und die in Polen regierende nationalkonservative Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) würzt mit diesem Thema ihr nationalistisches Süppchen. Der Danziger PiS-Politiker Jacek Kurski wird morgen den Antrag auf Aberkennung der Ehrung einbringen.

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