Über Tolstois Lebenswerte

München - Leo Tolstoi wurde 1828 auf dem Landgut Jasnaja Poljana geboren. Im November ist sein 100. Todestag. Zu Tolstois Buch „Für alle Tage“ schrieb Schlöndorff das Geleitwort. Lesen Sie hier einige Auszüge.

Die Ausfallstraße von Moskau Richtung Tula ist, trotz sechs bis acht Fahrspuren, verstopft. Alte Lastwagen aus volkseigenen Betrieben kämpfen mit unbeirrbarer Langsamkeit gegen die links und rechts überholenden Geländewagen; Porsche-Cayennes jagen VW-Touaregs, Lexus-Limousinen die silbernen Daimlers. Leben in zwei Geschwindigkeiten, die sich nicht koordinieren lassen.

Wir befinden uns, zehn Schauspieler und ein paar Bühnentechniker, auf dem Weg nach Jasnaja Poljana, dem Landgut, auf dem der Dichter geboren wurde, wo er zeitlebens gearbeitet hat und wo er im Wald unter einem Grashügel ohne jeden Schmuck begraben ist. „Und ein Licht leuchtet in der Finsternis“ heißt ein fast autobiografisches Stück, das er 20 Jahre vor seinem Tode begonnen und nie vollendet hat. Es stellt die große Frage nach dem „richtigen Leben“. Kurz nach seinem Tod wurde es in Berlin aufgeführt, vor einem Publikum, das erschüttert und begeistert war. Seit 53 Jahren ist es nicht mehr gespielt worden. Geschrieben vor 120 Jahren, ist es heute aktueller denn je. Wir werden es auf einer Wiese, unter Birken, an seinem Heimatort aufführen – in deutscher Sprache.

Endlose Plattenbausiedlungen und moderne Neubausilos, die sich kaum von ihren sozialistischen Vorgängern unterscheiden, säumen den Straßenrand. Zehn Millionen wohnen in diesen Schlafstätten, die Moskau wie ein Ring umgeben. Als, jenseits der Smoggrenze, das erste Grün auftaucht, Holunderbüsche und die ach so poetischen Birken, ist alles eingezäunt. Hinter Absperrungen patrouillieren Privatschutzleute. Scheußliche Schlösschen mit Betongiebeln, Säulen und Marmorportikus, unter blau glasierten Dachziegeln zeugen von Reichtum, der noch extremer und stilloser ist als vor hundert Jahren.

Tolstoi konnte diese Gegensätze schon zu seiner Zeit nicht ertragen, wie viel empörender müssten sie ihm heute sein. Er wollte alles weggeben, seine Familie hinderte ihn daran. Von diesem Konflikt handelt sein Stück. Heute grassieren die Hungersnöte auf anderen Erdteilen. Die Kluft zwischen Arm und Reich nimmt nicht ab, aber anders als Tolstoi nehmen die Russen (und wir) sie als mehr oder weniger unausweichlich hin. Vor allem das neue Russland schwelgt im Konsumrausch. Konsequenterweise taucht der bei seinem Tode berühmteste Mann der Welt auf der Liste der „Größten Russen“, von einem TV-Sender erstellt, nur auf den letzten Rängen, buchstäblich unter „ferner liefen“, auf. Junge Leute sagen, „er nervt mit seiner Moral. Puschkin ist uns lieber. Die ,Kreutzersonate‘, das ist doch langweilig. Das riecht nach Schule und Pflichtlektüre.“

Wir erreichen Tula. Vor der Stadt kam der Vormarsch der Deutschen zum Stillstand. (...) Tula war die Waffenschmiede der Sowjetunion, heute Standort für Volkswagen- und Volvo-Fabriken. Belgische Investoren haben hier Ende des 19. Jahrhunderts ein Stahlwerk errichtet. Tolstoi war bei der Einweihung, jedoch überzeugte ihn das Entstehen neuer Arbeitsplätze nicht. In seinem adligen, ganz auf die Landwirtschaft gestellten Weltbild erschien ihm die Industrialisierung als eine große Gefahr. (...) Mit Verweis auf die Grundsätze des Urchristentums, wie es in der Bergpredigt offenbart wurde, ruft er zum Verzicht auf jedes Eigentum auf, dessen Existenz er als den eigentlichen Grund allen gesellschaftlichen Übels in der Welt versteht. Die Sowjets sahen deshalb in Tolstoi – wie die zaristische Zensur – einen Vorboten Lenins. Bis zur Perestroika von den Kommunisten vereinnahmt, ist er heute kein Vorbild mehr. (...)

Als ich am Abend in Tula den Fernseher anstelle, russische Nachrichten, den Ton drehe ich weg, spüre ich, warum ich Tolstoi so liebe. Warum ich so wie er auf diese Gesellschaft schimpfen möchte. (...) In ein paar Minuten habe ich alles gesehen, was Tolstoi hasste: Politiker, Richter, Militärs, Staatsanwälte, Kardinäle und Popen, die Familie nicht zu vergessen. Ich konnte ihm nur zustimmen. Irgendetwas stimmt nicht an dieser Ordnung, die wir uns geben, in die wir das Leben zwingen – bis wir alle unglücklich sind. Ist Tolstoi überholt, altmodisch oder seiner Zeit voraus – oder gehört er zu keiner Zeit? Als ihn 1884 der Berliner Theaterdirektor Oscar Blumenthal besuchte, um über eine Aufführung des Stückes zu sprechen, lehnte er es ab und versteckte das Manuskript bis zu seinem Tode 1910 – mit der Begründung, „die Zeit sei noch nicht reif, vielleicht in 100 Jahren“. (...)

Aber das heißt auch, Tolstoi wird immer aktuell sein. Denn er spricht nicht von Ideen oder Ideologien, sondern er zitiert Menschen, die Ideen haben, in Ideologien befangen sind – unter ihnen er selbst. Er schreibt aus Erfahrung, aus Beobachtung, es geht um erlebtes Leben. Und wenn er das alles auch nur aufschreibt, um sich selbst zu rechtfertigen, kann er doch nicht umhin, den anderen zuzuhören, ihr Verhalten zu verstehen, jedem Einzelnen, der im Kreise der Familie und der Freunde gegen ihn ist, gerecht zu werden. (...)

Das Buch „Für alle Tage“ ist ein Buch der Stärkung, auch der Selbstvergewisserung, das Tolstoi sich schuf in dem Wunsch, ein besserer Mensch zu werden.

Jasnaja Poljana, den 09.09.2009

Volker Schlöndorff

Lew Tolstoi:

„Für alle Tage. Ein Lebensbuch“. Verlag C.H. Beck, München, 760 Seiten, neun Abbildungen; 49,95 Euro.

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