Überall ist der Wurm drin

"Luisa Miller" an der Bayerischen Staatsoper: - Die knallige Coda der Ouvertüre ist kaum verklungen, da haben 2000 Zuschauer schon den Ausgang vor Augen. Das Liebespaar Rodolfo und Luisa tot am Boden. Eine Trauergemeinde nähert sich mit weißen Lilien. Und eine zweite Luisa betrachtet die Szene - erstaunt, verwirrt, mehr von bösen Ahnungen geplagt als von Wissen geschockt. Wieder einmal ist es passiert. Denn wenn sich Claus Guth mit dem Regiebuch einem Opernhaus nähert, dann droht allen Figuren dasselbe Schicksal: Sie müssen auf die Couch.

Keine lineare Handlung wird da erzählt, sondern in Personenspiegelungen und mittels Doppelgänger das Innenleben des Personals nach außen gestülpt. Bei Bayreuths "Fliegendem Holländer" war das so, ansatzweise im Salzburger "Figaro" - und jetzt auch bei Giuseppe Verdis "Luisa Miller", die ihre Erstaufführung (!) an der Bayerischen Staatsoper erlebte.

Zur entscheidenden Figur wird in dieser Produktion Wurm, den Claus Guth in der Inhaltsangabe des Programmhefts listig verschweigt. Bei ihm existiert der Intrigant nicht als eigener Charakter, taucht dafür als Doppelgänger Millers, Walters oder sogar Rodolfos auf - als das ausgekoppelte Böse also, als (Achtung Zeigefinger!) der Wurm in uns allen. Christian Schmidts Drehbühne verströmt dazu mit Textiltapete 80er-Jahre-Charme, ist zudem in vier Kreissegmente unterteilt. Walters großbürgerliches Zimmer findet sich da, auch der karge Essplatz Millers, Räume, die gedoppelt werden und deren Zwischenwände nur Wurm durchschreiten kann.

Anfangs interessiert das Konzept ja durchaus. Guth ist im Gegensatz zu vielen Kollegen einer, der versiertes Handwerk zeigt, dicht inszeniert und mit einer wirkungsvollen Grundkonstellation aufwarten kann. Auch wenn, wie jetzt in München, der Stil langsam in die Masche gleitet. Denn je öfter sein Psycho-Karussell rotiert, desto mehr Probleme offenbaren sich.

Guth schaut aus der Totalen aufs Stück. Die Personen bewegt er wie Schachfiguren, anstatt Charaktere von innen heraus zu entwickeln. Ergebnis ist ein kühles Arrangement, das Verdis Emotionalität, von Dirigent Massimo Zanetti exemplarisch vorgeführt, ignoriert. Soll sich auf der Bühne etwas tun, verfällt die Regie gern in Stereotypen: Walter, Rodolfo & Co. spielen mit Whiskyglas Denver-Clan, ergehen sich in konventioneller Gestik. Und das, was hier Wurm verkörpert, die eigennützige Tochtervergötterung Millers etwa, die hätte man gern von den Figuren selbst gesehen und nicht als Stellvertreterhandlung eines irrealen Mephisto.

Vom sozialen Sprengstoff der verbotenen Liebe ist kaum was zu spüren, das Melodramatische Verdis bleibt ohnehin auf der Strecke - beziehungsweise den Stimmen vorbehalten. Zum Beispiel bei Ramón Vargas, der als Rodolfo beweist, wer zurzeit der intelligenteste Stilist der Italo-Szene ist. Vargas weiß genau, wie er sein lyrisches Material einsetzt. Wo andere ins tenorale Gockeln geraten, ist er ganz empfindsam Leidender, der die Schönheit einer Phrase nie dem Effekt opfert.

Auch Krassimira Stoyanova setzt ganz eigene Akzente. Dank des aparten dunklen Timbres gestaltet sie eine Luisa fernab jeglichen Zuckerguss-Gesangs oder aufgesetzter Mädchenhaftigkeit: eine entschlossene, starke junge Frau, die durchaus in der Lage wäre, die Miller-Walter-Welt mit ihrem Liebsten auch ohne Gifttrank zu verlassen. Dabei verbindet die Stoyanova Belcanto-Wendigkeit mit dramatischem Zupacken - ein großartiges Rollendebüt.

Auch mit der übrigen Besetzung spendierte die Staatsoper das beste Premierenensemble der letzten Jahre. Paolo Gavanelli (Miller) mag an der Grenze zum Manierismus schon mal auf die falsche Seite straucheln. Doch was er an Farben- und Nuancenreichtum bietet, entschädigt für viele Eitelkeiten. Georg Zeppenfeld stahl als aufgekratzer, sehr präsenter Wurm seinem nobel, anfangs vorsichtig phrasierenden Fachkollegen Carlo Colombara (Walter) die Schau. Elena Maximova (Federica) machte nicht nur als hochhackig stöckelnde Blondine, sondern auch mit gutturalem, sattem Alt auf sich aufmerksam.

Dass diese Sänger das höllisch schwere A-cappella-Quartett zu einem Höhepunkt des Abends werden lassen, zeugt von ihrer Klasse - und hat auch viel mit der Führungsqualität Massimo Zanettis zu tun. Er führt Verdis 15. Oper stückgerecht als Schwellenwerk vor. In der Ouvertüre, bei der das Staatsorchester hörbar ins Schwitzen gerät, noch mit dem staubtrockenen, robusten Humtata des Frühstils. Später dann schleichen sich Momente ein, die etwa "La Traviata" vorwegnehmen. Farbeffekte, harmonische Abmischungen und ein Aufbrechen der strukturellen Konvention, die Zanetti manchmal überdeutlich herausarbeitet. Ohnehin scheint er die Partitur weniger zu dirigieren, als mit jeder Faser zu leben. Kaum einen Blick gestattet er sich in die Noten, mit kleinen Winks und ermunternden, manchmal energischen Bewegungen werden Solisten, der in den Hintergrund verbannte Chor und das sehr flexibel musizierende Orchester gesteuert. Kein Wunder, dass sich Generalmusikdirektor Kent Nagano mehr als einmal interessiert aus seiner Loge beugte.

Zanetti müsste dringend ans Haus gebunden werden. Gelegenheiten bieten sich dafür viele: Händel ist langsam passé, die Staatsoper möchte endlich eine Verdi-Offensive starten. Zumindest musikalisch gelang dafür ein phänomenaler Auftakt.

Die Handlung

Rodolfo, Sohn des Grafen Walter, und Luisa Miller sind ein Liebespaar. Er gibt sich jedoch als "Jäger Carlo" aus. Wurm, Verwalter des Grafen und auch in Luisa verliebt, verrät ihrem Vater Rodolfos wahre Herkunft. Walter hatte seinen Sohn für die Herzogin Federica vorgesehen, die nun um Rodolfo kämpfen will. Nach einem Streit wird Miller von Walter verhaftet. Wurm erpresst Luisa: Sie muss sich in einem Brief zu Wurm bekennen, dann wird der Vater freigelassen. Rodolfo glaubt sich betrogen und stimmt zum Schein der Hochzeit mit der Herzogin zu. Miller kommt frei. Als Luisa Rodolfo bestätigt, dass der Brief echt sei, vergiftet er Luisa und sich selbst. Kurz vor dem Tod kommt alles heraus. Sterbend ersticht Rodolfo den Widersacher Wurm.

Die Besetzung

Dirigent: Massimo Zanetti. Regie: Claus Guth. Ausstattung: Christian Schmidt. Chöre: Andrés Máspero. Darsteller: Carlo Colombara (Walter), Elena Maximova (Federica), Krassimira Stoyanova (Luisa), Paolo Gavanelli (Miller), Anaïk Morel (Laura), Ramón Vargas (Rodolfo), Georg Zeppenfeld (Wurm), Michael McBride (Contadino).

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