Überblendungen bei einem Klassenfoto

- "Literatur ist Diebstahl. Sie ist großzügig, die Literatur. Sie verlangt keine EC-Karte." Hier ein Mikro-Drama von Sarraute, dort die Kargheit einer Duras, verrätselt mit der Metaphernarmut eines Robbe-Grillet. Das nennt man kreativen Diebstahl, bei dem man sich ruhig erwischen lassen darf. Vor allem, wenn die Geste des Sich-Nehmens als Zeichen eines Mangels inszeniert wird, wie es bei Annie Saumont der Fall ist.

<P>Ihre Figuren sind beschädigte Wesen: eine Frau im Rollstuhl, ein einarmiger Ungar, eine vergewaltigte Frau. Ihre Sprache ist nicht mehr intakt. Was erfahren wir über die Menschen, deren Geschichten Annie Saumont vor uns auszubreiten beginnt, um uns im entscheidenden Augenblick die Fortsetzung vorzuenthalten? Die Männer waren im Stalag, mussten an die Front oder sind im Krieg verschwunden, suchen Unterschlupf und haben ein schlechtes Tätergewissen. Kinder tragen Judensterne, heißen Blumenthal, verschwinden von Anwesenheitslisten.</P><P>Der Zweite Weltkrieg ist die Großmetapher, die die Erzählkunst der Saumont verdunkelt. Vor diesem Horizont gibt sich die skizzenhafte Methode als Zerrform eines nicht verarbeiteten seelischen Kollektiv-Dramas zu erkennen. Das gibt den Geschichten eine Dringlichkeit, und die Vorkommnisse des Alltags erhalten eine tragische Fallhöhe.</P><P>Die erste Erzählung des Bandes - "Klassenarbeit: Dikat" - ist eine programmatische Auftrittsgeste. Das Thema ist nicht die Abbildung von Welt, sondern das Sichtbarmachen von Auslöschung: ein Fotograf kommt in eine Schule, um ein Klassenfoto anzufertigen. Während sich die Kinder als Gruppe formieren, überblenden sich die Bilder und Kamerabewegungen. Der Fotograf war Zeuge eines Anschlags, dessen Täter jetzt öffentlich gesucht wird. Die Autorin stellt sein Objektiv zweimal auf scharf. Für das Beweisfoto eines Reportagefotografen und für das Bild eines Chronisten. Am Ende wird der Fotograf den Film belichten und das Archiv der Erinnerung vernichten.</P><P>Annie Saumont war zunächst dagegen, dass man für die deutsche Ausgabe ihre Erzählungen aus der zeitlichen Ordnung ihres Erscheinens herauslöst. Aus der Perspektive der Autorin ist der Zweifel zu verstehen. Die Phasen ihres Schaffens folgen eigenen Entwicklungslinien, deren innere Ordnung schon für sich genommen eine Meta-Erzählung über Stil und Spracharbeit darstellt.</P><P>Entdeckung einer in<BR>Frankreich berühmten Frau</P><P>Doch der Leser fragt sich: Wie konnten die aufmerksamen Habichtaugen der Szene-Scouts das preisgekrönte und von der französischen Kritik rituell gelobte Oeuvre einer Annie Saumont so lange außer acht lassen? Umso mehr ist der Berliner edition ebersbach zu danken für das Publikmachen der spröden, rissigen Texte der heute 76-jährigen. Einzige kritische Fußnote: dem Band fehlt empfindlich eine editorische Notiz mit Entstehungsdaten und biografischen Orientierungen. Bleibt intensiv zu hoffen, dass die Leser hierzulande noch nicht übersättigt sind von den Geschichten, die ihnen das Fräuleinwunder in den letzten Jahren bescherte.<BR>Hier war kein Wunder am Werk, sondern eine sich an den Tatsachen reibende, intensive Sprachenergie. </P><P> </P>

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