Zum Start der Reihe „Lesen und lauschen“ in München 

Überbordender Fantasie-Wahnsinn

München: "Lesen und lauschen": Gregor Turecek richtet fürs Residenztheater Michael Endes „Unendliche Geschichte“ als szenische Lesung für Kinder ein.

Dieser riesige Kerl hat doch tatsächlich sein Fahrrad aufgefuttert. Nun steht er da auf seinen großen Steinfüßen und muss sehen, wie er weiterkommt. Zwei Sätze und man ist drin in der schier „Unendlichen Geschichte“, die Michael Ende vor über 30 Jahren geschrieben hat. Gregor Turecek nennt sie einen „total überbordenden Fantasie-Wahnsinn“. Eine Schatztruhe gefüllt mit Bilderwelten. Turecek will diese Kiste am Sonntag für junge Theatergäste ab sechs Jahren öffnen: Dann wird der Regisseur in der Reihe „Lesen und Lauschen“ des Münchner Residenztheaters mit seinen vier Schauspielern die „Unendliche Geschichte“ in einer szenischen Lesung im Marstall präsentieren.

„Die größte Herausforderung war, dieses überbordende Werk zusammenzukürzen, ohne dass zu viel verloren geht“, sagt der 29-Jährige. Eine Grundfassung hatte er vom „Jungen Resi“, dem Nachwuchsprogramm des Theaters, bekommen, an der er dann aber noch einmal „ganz schön rumgearbeitet“ hat. Bewusst entschied er sich, lieber Episoden „schweren Herzens“ ganz herauszunehmen, und im Gegenzug andere Stellen mehr zu gewichten. Seine Fassung von Endes Roman sollte kein „Best of“ werden, er will den Figuren Raum geben. 60 Minuten reichen da naturgemäß nicht. Darum wird es, zum ersten Mal in der „Lesen und Lauschen“-Reihe, drei Termine geben. Premiere ist am Sonntag, am 20. Dezember geht es weiter und im Januar endet die Geschichte.

Der Riese mit den Steinfüßen ist natürlich jetzt schon dabei. Gunther Eckes spielt ihn – und rund 14 andere Figuren. Alle vier Ensemblemitglieder übernehmen mehrere Rollen: Eckes, Franz Pätzold, Arthur Klemt und Hanna Scheibe lieben den ständigen Wechsel von Rolle zu Rolle. Bewusst hat Turecek darauf verzichtet, ihnen vollständige Kostüme überzustülpen. Eine andere Stimmlage, eine andere Körperlichkeit, ein Requisit – mehr braucht es nicht, damit sich ein- und derselbe Darsteller vom Riesen blitzschnell in einen Drachen verwandelt. „Unser Riese ist kein fertiger Riese – das ist ein Schauspieler, der zwei riesige Steinfüße angeschnallt bekommen hat und einen langen Bart. Doch ich glaub’, dass das reicht. Die Kinder werden einen Riesen vor sich sehen und die Lücken mit ihrer Fantasie selber füllen“, ist der gebürtige Wiener überzeugt, der bereits zu seinen Studienzeiten theaterpädagogisch gearbeitet hat. Seine Produktion soll eben keine Konkurrenz etwa zur Verfilmung des Buchklassikers sein. „Die Kinder sollen nicht nur zugeballert werden. Wir freuen uns, dass Kids ins Theater kommen und wollen bewusst anderes bieten als das Fernsehen. Sie sollen die Möglichkeit haben, eigene Bilder im Kopf entstehen zu lassen.“

Wer behauptet, heutige Kinder, auf die täglich so viel einprasselt – vom Smartphone in der Hosentasche bis zum Monitor in der U-Bahn – könnten sich darauf nicht mehr einlassen, dem hält der junge Theatermacher entgegen: „Sie können das genauso gut wie andere Generationen auch.“ Und gerade deshalb sei dieses Buch so aktuell: „Der Protagonist, der Bastian, hat diesen Speicher, einen Rückzugsort, an dem er einfach einmal einen ganzen Tag versinken kann. Wo niemand an die Tür klopfen kann, wo nichts ablenkt. Das ist das Wertvollste, was er hat.“ Dieses Versinken in einer Geschichte, das Hineintauchen in eine andere Welt, sollen auch die jungen Zuschauer am Sonntag erleben. „Wir legen den Fokus nicht auf dieses Buch, das anfängt zu leuchten – sondern auf den Speicher, diesen besondern Ort, an dem alles passieren kann. Dieser Speicher beginnt zu leben.“

Katja Kraft

Die Premiere

der dreiteiligen Reihe „Lesen und Lauschen“ mit der „Unendlichen Geschichte“ ist an diesem Sonntag, 15 Uhr, im Münchner Marstall.

Telefon 089/ 2185-1940.

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