Überirdische Klänge

- Was die Chemie zwischen Klangkörper und Dirigent anbelangt, so präsentieren sich das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und sein Chef Mariss Jansons in der allmählich ausklingenden ersten gemeinsamen Spielzeit in Hochform. Für das Programm im 5. Abo-Konzert in der Münchner Philharmonie mit Anton Weberns Idyll für großes Orchester "Im Sommerwind", Arnold Schönbergs "Verklärte Nacht" in der Streichorchesterfassung und der 6. Symphonie in h-moll op. 74 (Pathé´tique) von Peter Tschaikowsky gebührt Jansons und seinen Damen und Herren das Prädikat "überirdisch".

<P>Im Sturmschritt eilt Jansons ans Pult. Er bringt eine Dynamik mit aufs Podium, die sich vom ersten Moment an auf die Musiker überträgt. Weberns leicht schwebendes "Idyll" hätte sich aus den Tiefen des Ensembles heraus kaum feinsinniger entwickeln können, die Farbschattierungen könnten nicht besser abgemischt sein. Schwungvoll entfalteten sich mittendrin die triumphalen Momente, und der Rückfall in den Ruhezustand war behutsam gestaltet. <BR><BR>Ausgesprochen stimmig schloss sich daran der sinnlich-expressive Tonfall von Schönbergs "Verklärter Nacht" nach der Lyrik Richard Dehmels an. Unter Jansons so gefühlvollem wie vehementem Taktschlag klang die häufig mit einer düsteren, überschwänglichen Note versehene spätromantische Komposition vor allem vital-energetisch. Ohne Pathos wurden hier die dramatischen Ausdrucksmomente, die schmerzliche Seelenlage im Dialog der beiden Liebenden von den Streichern nuanciert schlank und stimmungsstark reflektiert.<BR><BR>Faszinierend schließlich aus der langsamen Einleitung angehoben die 6. Symphonie Tschaikowskys, auch sie ohne die so oft sülzige Wucht gespielt. Subtil im ersten Satz die Entwicklung des Hauptthemas durch die Holzbläser hin zu den Geigen. Fragilität bestimmte das Allegro con grazia, wunderschön hier die Pizziccato-Arabesken. Phänomenal in Klanggewalt und Tempo das Allegro molto vivace und schließlich bewegend schön das Finale. Ein Abend reich an subtilen Klanggenüssen und Spielfreude.</P>

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