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Riccardo Minasi, Dirigent und Violinist aus Rom, ist derzeit „Artist in Residence“ beim Ensemble Resonanz.

ÜBERRAGENDE CD-NEUERSCHEINUNG

Mozart-Symphonien mit Riccardo Minasi: Harnoncourts ungezogener Enkel

  • Markus Thiel
    vonMarkus Thiel
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Noch eine Aufnahme der drei letzten Mozart-Symphonien? Riccardo Minasi und das Ensemble Resonanz haben die besten Argumente - ihnen gelingt eine verblüffende Referenzeinspielung.

Hamburg/Salzburg - Eine Stelle gibt es im Finale der 40. Symphonie, da fliegt der Laden fast auseinander. Zwar hört man noch immer das Hauptthema, doch nun auseinandergerissen in hingepfefferte Akkorde. Als ob die Musik keine Lust mehr hat auf Struktur und Metrum und überhaupt den ganzen symphonischen Kram. So lustvoll orientierungslos spielt das Ensemble Resonanz diese Passage – um bei der Wiederholung ein paar Minuten später munter darüber hinwegzufegen: Ätsch, war nicht so gemeint.

Nur ein Splitter ist dies aus einer Neuaufnahme der drei letzten Mozart-Symphonien, aber er steht stellvertretend für vieles. Kein Mensch, das denkt man anfangs, braucht eine weitere Einspielung dieser Hits. Doch nach Genuss der beiden CDs schwant einem: Womöglich gibt es keine bessere Aufnahme. Der Rumpelmoment aus der 40. ist sogar bekannt. Nikolaus Harnoncourt pflegte seine Hörer auf ähnliche Weise zu irritieren. Riccardo Minasi treibt das mit dem Ensemble Resonanz weiter ins Hochenergetische – und erweist sich hier als echter, ungestümer, nur manchmal etwas ungezogener Enkel des Großmeisters.

Die schnellen Sätze laufen heiß

Der römische Violinist und Geiger ist quasi in Münchens Nachbarschaft aktiv. Seit zwei Jahren amtiert Minasi als Chef des Salzburger Mozarteumorchesters und treibt es zu Höhenflügen. Als „Artist in Residence“ beim Hamburger Ensemble Resonanz passiert gerade Ähnliches, Wilderes. Dokumentiert wurde das auf CDs mit Werken von Carl Philipp Emanuel Bach, mit Haydns „Sieben letzten Worten“ und nun eben mit den Mozart-Symphonien.

Nicht nur, dass die schnellen Sätze heißlaufen, ohne dass es das Ensemble Resonanz aus der Kurve trägt: Minasi baut immer wieder Klangstörungen ein. Kleine dynamische Mäßigungen, Zurücknahmen, um wieder Anlauf zu nehmen oder eine Phrase neu aufzubauen. Und gern minimale Tempo-Rückungen, die zweierlei signalisieren. Erstens gibt es in diesen Werken keine Gewissheiten. Zweitens ist keines der Stücke ein fest gefügtes, in Metrum und erwartbare Lautstärke-Verhältnisse verschnürtes Ereignis, sondern: Es lebt. Und dies eben als vorwitziges, störrisches, fintenreiches Geschöpf.

Ein Orchester wie ein Raubtier

Minasi, Jahrgang 1978, und das Ensemble Resonanz brennen allerdings keine Feuerwerke ab. Nicht dem Effekt fühlen sie sich verpflichtet (wie gerade ein anderer, sehr angesagter Dirigent), sondern der Klangrede eines Harnoncourt, dieses ständigen musikalischen, kontroversen Diskurses. Man lauscht gerade deshalb den drei Symphonien so gebannt, weil man nie genau weiß, welches Klang-Argument als nächstes in die Debatte geworfen wird. Und all dies erschöpft sich nicht im Widerborstigen: Es gibt – nicht nur – in den langsamen Sätzen wunderbar weich gestaltete Entwicklungen, eine feine Eleganz und Biegsamkeit. Und wie stark die Trios der Menuette im Volkstümlichen wurzeln, wie alles auf derbe Tanzboden-Rhythmen zurückzuführen ist, das hört man auch.

Die rasanten Ecksätze der Symphonien hinterlassen dennoch den stärksten Eindruck. Das Allegro von Nummer 39 ist reinster Rock. Wo andere den berühmten Kopfsatz der Nummer 40 ins Vibrieren versetzen, tigert und tobt das Orchester hier wie ein Raubtier zwischen Käfiggittern. Und der Schluss von Nummer 40, erst recht das Fugen-Konstrukt von Nummer 41 überhitzen sich bis zum Kolbenfresser. Diese Einspielung ist der bislang beste Beitrag zum Beethoven-Jahr – weil sie beweist: Der eigentliche Revolutionär der Wiener Klassik stammt nicht aus Bonn, sondern aus Salzburg.

Mozart:
„The last three Symphonies“. Ensemble Resonanz, Riccardo Minasi (harmonia mundi).

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