Überraschung in alten Industriehallen

- Der Glaspalast war im München des ausgehenden 19. Jahrhunderts der Tempel für zeitgenössische Kunst. Er war international begehrt, bis er 1931 ausbrannte. Jetzt gibt es einen neuen Glaspalast, und zwar in Augsburg. Die Stadt muss mit dem wirtschaftlichen Strukturwandel fertig werden, der ihr traditionelles Textilindustrie-Viertel betrifft. Immer mehr soll es zum Kunst-Viertel werden.

Ein mehrstöckiges Fabrikgebäude aus der Zeit der vorigen Jahrhundertwende (1909; erster Stahlskelett-Großbau) steht als mächtiger, markanter Solitär in einer Umgebung liebloser Bau-Massenware. Feine Proportionen sind zu bewundern; große, durch viele Sprossen gegliederte Fenster lassen das Licht in die Hallen fluten.

So nennt sich denn auch das Zentrum für Gegenwartskunst H2 (Halle 2; 2000 Quadratmeter), das die Kunstsammlungen und Museen Augsburg unter der Federführung von Kurator Thomas Elsen einrichteten. Die benachbarte Halle ist den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen vorbehalten (1200 Quadratmeter). Sie konzipierten dafür eine Zweiggalerie der Kunstsammlung der Münchner Pinakothek der Moderne. Zum Auftakt beschäftigt sie sich mit US-amerikanischer Kunst der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Abstrakter Expressionismus, Pop Art und Minimal Art. Um das Interesse wach zu halten, wird die Präsentation jedes Jahr wechseln, wie Generaldirektor Reinhold Baumstark erklärte. Er unterstrich, dass man wirklich exzellente Stücke aus München losgeeist habe. Und in der Tat illustrieren die ausgewählten Werkgruppen pointiert jene drei Richtungen, die bis heute prägend sind für die Weltkunst (Kuratorin: Corinna Thierolf). Die Staatsgalerie am Wittelsbacherpark (19. und Beginn 20. Jahrhundert) entfällt also. Das Zweigmuseum für altmeisterliche Malerei im Katharinenkloster bleibt.

Augsburgs Kulturbürgermeisterin Eva Leipprand zeigte sich bei der Pressevorbesichtigung erleichtert über die gehaltvolle Zusammenarbeit, die dem Museum Walter und der Galerie Noah im Glaspalast echte Hochkaräter hinzufügt. Damit kann dieser Kunstknoten-Punkt, der vom Zentrum relativ abgelegen ist (aber es gibt problemlos Parkplätze), zu einem Anziehungs-Punkt werden. Zumal für Café´, Bibliothek, Artothek, Museumspädagogik gesorgt ist.

Man erreicht die beiden einander gegenüberliegenden Hallen (Umbaukosten 1,86 Millionen Euro) durch einen Gang, der als gemeinsames Foyer mit Billet-Schalter dient. In H2 sind, dezent versteckt, Toiletten und Garderobe integriert. Ein Idyll-Foto des Augsburger Hofgartens von Clegg & Guttmann lockt den Besucher in den städtischen Saal. Sie hatten in Augsburg wie in vielen Städten ihre "open public library" 2001 installiert. Die kam so gut an, dass die Einheimischen nach Ende des Projekts nicht von ihr lassen wollten. Die Halle selbst zeichnet sich durch Weite, Helligkeit und viele, viele Stahlträger aus. Großer Freiraum also.

Nur ein Kabinett für lichtempfindliche Papierarbeiten oder Videos wurde in den Saal quasi eingelassen; zwei "Pavillons" sind es in der Staatsgalerie. Da der "Säulenwald" optisch dominiert, ist die Bespielung nicht einfach. Das zeigt die erste Präsentation jetzt deutlich. Raumgreifende Installationen wie Tony Craggs Skulpturen aus gelben Glasgefäßen machen sich gut. Die außerdem noch brav und unrhythmisiert gehängten Gemälde und Fotografien wirken wie bloß an der Peripherie vorhanden. Hier wird man noch experimentieren müssen, um bessere Lösungen zu finden.

Sehr schön dagegen der Augsburg-Einstieg in die Schau. Denn auch das Münchner Duo "Empfangshalle" (Corbinian Böhm und Michael Gruber) nahm sich Wahrzeichen der glanzvollen Reichsstadt vor _ die Brunnen. Sie verwandelten diese ehrwürdig-musealen Objekte in Menschen-Gruppen, passenderweise aus Museumswärtern. Diese lebenden Spritz-Brunnen wurden per Foto verewigt. Leta Peer setzte hingegen ein Gebirgsmassiv - die Schweizer Heimat lässt grüßen - ins Augsburger Schaezlerpalais während der Restaurierung (mittlerweile prachtvoll fertiggestellt). Plastikabdeckungen in Schlosszimmern sind schon skurril - und dann drängen sich da noch Berge auf . . .

Natürlich hat H2 auch einige berühmte Namen wie Rupprecht Geiger oder Felix Droese zu bieten, mehr Spaß machen die Entdeckungen. Und für die Zelebritäten ist ja die Staatsgalerie mit ihrem "Spaziergang durch New York" zuständig. Andy Warhol empfängt mit Riesenformat und Riesensportschuh. Ebenfalls gut platziert sein Nachbar Robert Motherwell, etwa mit dem fabelhaften "A la Pintura Nr.15", einem Traum in Rot. Die ohnehin schon "stillen" Minimalisten kommen dagegen in der Präsentation zusätzlich schlecht weg. Auch da muss nachgebessert werden. Insgesamt aber nimmt man einen heiteren, beschwingten Eindruck vom Glaspalast mit.

Adresse: Beim Glaspalast 1/ Amagasakiallee; 0821/ 32 44 155, www.augsburg.de.

Öffnung: täglich außer Mo. 10-17 Uhr

Eintritt: 7 Euro. Katalog, Kehrer Verlag: 19,80 Euro.

Anfahrt: Auto - A8 Ausfahrt Augsburg Ost, dann Schilder; Bus - Linie 33 vom Hauptbahnhof.

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