Überraschungen

- Mag er auch an der Spitze von Symphonie-Orchestern schon ein breites Repertoire vorgeführt haben: Irgendwie steckt Fabio Luisi in der Schublade drin. Als Experte für Verdi, Puccini und Belcanto, oft zu erleben im Graben des Münchner Nationaltheaters und demnächst wieder bei der Premiere von "La forza del destino". Umso mehr überraschte es, dass der drahtige Maestro mit Vorliebe für Emotionsüberdruck nun im Akademiekonzert eine gewichtige, sehr "deutsche" Deutung von Bruckners siebter Symphonie vorlegte, am ohrenfälligsten in den Ecksätzen: Das lyrische Thema des Finales etwa hat man zuletzt bei Celibidache in dieser Breite gehört.

Luisi ließ Themen ausschwingen, interessierte sich für die Kantabilität des Werks, besonders im fein und delikat abgestuften Streicher-Apparat. Wechsel der musikalischen Aggregatszustände gelangen logisch, organisch, wenn auch im Montagskonzert kleine Unschärfen die Wirkung durchkreuzten. Nur manchmal war die Balance gefährdet. Bei Steigerungen zog Luisi gern das Tempo an - trockene Fanfaren und ein Zuschalten des Turbos, das tönte dann mehr nach Verdi-Galopp.<BR><BR>Zu kämpfen hatten Luisi und die Musiker aber weniger mit der Literatur als mit der Akustik: Ein so stumpfer, körperloser Klang, wie ihn die "Konzertmuschel" des Nationaltheaters produziert, tötet jede Ambition. Manch Detail wurde erbarmungslos ins Licht gezerrt, anderes wiederum versank in diffuser Unverbindlichkeit.<BR><BR>Vielleicht wollte Luisi deshalb Mozarts 20. Klavierkonzert schnell hinter sich bringen. Ohne Rücksicht auf Melos und Intimität stürmte er durch den Kopfsatz, zwängte Solist Rudolf Buchbinder ins Korsett einer kühlen Dramatik. <BR><BR>Eindrucksvoller die versonnene, wehmutsvoll gespielte Romanze, die Buchbinder Entfaltungsmöglichkeiten bot und in der sich endlich ein Dialog zwischen Orchester und Klavier entwickelte. Heftiger Beifall für Buchbinder, der sich mit einer Johann-Strauß-Paraphrase revanchierte. Nach Bruckner schienen Luisi und Hörer erschöpft: Die Siebte allein, auch so eine Celi-Erfahrung, hätte vollkommen genügt.

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