Überraschungsbesuch verbreitet Panik

- Vielleicht hat es etwas mit der archaischen Welt zu tun, in der Geysire unermüdlich sprudeln und Elfen durch die Gegend tänzeln, in der die meiste Zeit des Jahres über meteorologische Ungemütlichkeit herrscht und die Sängerin Björk Texte über die (Un-)Tiefen von Mensch und Natur aus ihren eigenen Tiefen hervorquetscht. Vielleicht besitzt Bragi Ólafsson, der ehemalige Bassist und Mitbegründer von Björks erster Band The Sugarcubes, daher diesen Übersinn für die einfachen Worte, die seinem Leser so nachhaltig an die Nieren gehen.

Den ersten Teil seines zweiten Romans "Die Haustiere" hindurch blufft der isländische Autor. In einzelnen Kapiteln lässt er hier die Geschichten von zwei Heimkehrern sich abwechseln, deren Wege durch Reykjavik sie schließlich zu ein und demselben Haus führen. Ganz harmlos kommt diese Einleitung daher, und nichts deutet darauf hin, dass bereits einige Seiten später der eigentliche Bewohner zum Eindringling, der ungebetene Gast dagegen zum Gastgeber werden wird.

Dabei gab es einmal eine Zeit, in der beide sich verstanden. Bis zu der Sache mit den Haustieren, auf die der eine, Emil, aufpassen sollte, die der andere, Havardur, jedoch auf ungeschickte Weise in den Tod schickte. Da gabelte sich ihr Leben. Jahre später kehrt Emil von einem Lottogewinn-Einkaufsbummel in London zurück; Havardur ist aus einer geschlossenen Anstalt in Schweden ausgebrochen und steht nun vor Emils Tür. Während sich der in Panik unter seinem Bett versteckt, steigt Havardur durch das Küchenfenster ein. Er beschließt, auf Emil zu warten.

Der Mensch als stiller Zeuge seines Alltags

Ganz einfach lässt Ólafsson diese unmögliche Situation entstehen, plötzlich ist sie da. Und verschärft sich mit jedem weiteren Moment, den Emil unter dem Bett verbringt. Denn je mehr Flaschen, Zigarettenpackungen und CD-Hüllen Havardur öffnet, je mehr Leute anrufen und vorbeischauen, desto mehr lebt sich der Überraschungsbesuch in der fremden Wohnung, ja in dem fremden Leben ein. Bis Emil selbst an seiner Identität zu zweifeln beginnt. Der Mensch als stiller Zeuge seines Alltags - gleich einem Haustier.

Gleichermaßen erstaunt, entsetzt, doch niemals humorlos steht für den Autor, den Leser und Emil nurmehr eine Frage im Raum: "Warum zum Teufel gebe ich mich nicht zu erkennen?" Keiner weiß die Antwort, und so verharren alle in klaustrophober Beobachtung. Ólafsson, diesem Autor des ungut schleichenden Gefühls, ist mit "Die Haustiere" ein genialer Roman gelungen, der in unaufgeregter Tiefstapelei aufregt und den man selbst nach dem Auslesen noch für eine Weile verwundert in der Hand behält. Ein isländischer Roman: archaisch, mystisch, ungemütlich, übersprudelnd und voller (Un-)Tiefen.

Bragi Ólafsson: "Die Haustiere". Aus dem Isländischen von Tina Flecken. dtv, München, 280 Seiten; 15 Euro.

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