Überraschungs-Strategie

- "Wir haben öffentliche Räume und nicht Häuser geschaffen", fasst Architekt Pierre de Meuron vom Team Herzog & de Meuron, das für München auch das neue Fußballstadion plant, das Konzept für die Fünf Höfe der HypoVereinsbank zusammen. Heute wird der zweite Bauabschnitt des Areals zwischen Maffei-, Theatiner-, Salvator- und Kardinal-Faulhaber-Straße feierlich eröffnet.

<P>Neben dem Schweizer Spitzen-Duo waren an dem Gesamtprojekt mit 24 000 Quadratmetern Grundfläche auch Ivano Gianola (Maffeihof, erster Bauabschnitt) sowie die Münchner Hilmer & Sattler (Amirahof, teilweise Innenausbau an der Theatinerstraße, im positivsten Sinne schlichte Häuser an der Salvatorstraße 5 und 7, 2. BA) beteiligt. Die Öffnung, also die Durchlässigkeit eines großen Blocks des alten Kreuzviertels für Passanten und Flaneure, die ab 2001 nur für einen Teilbereich gegeben war, ist nun vollendet. </P><P>Herzstück ist die 90 Meter lange, zehn Meter breite und 14 Meter hohe Salvatorpassage im Innern, die erst jetzt wirklich zur optimalen architektonischen Geltung kommt. Wobei sich die Architektur eigentlich selbst zum Verschwinden bringt. Die Glaswände geben wie im Perusahof (1. BA) ganz und gar den Läden den Vortritt, dafür aber faszinieren der hängende Garten und die zahllosen Lampenglocken, die sich im Glas spiegeln, bis ein Glitzertraum entsteht. Durch die Fenster-"Mauern" erspäht man auch den nicht zugänglichen Promenadenhof (Privatanlieger). In ihm treffen zwei Jahrhundertwenden aufeinander: 19./20. und 20./21. Jahrhundert - das Hypo-Stammhaus, in dem es noch ein Restaurant (mit Terrasse) geben wird, und Herzog & de Meurons einmalige und fantasievolle Vorliebe für Haus-"Gewänder". Waren es im ersten Bauabschnitt die raffinierten Loch-Kupferplatten, die die Fassaden verwandeln, ist es jetzt eine anthrazitfarbene Haut, die sich über die Glasfassade spannt und mit witzigen, ornamentalen Ausgucken  geziert  ist. </P><P>Auch der Viscardihof verfolgt die Unauffälligkeits- und Überraschungs-Strategie. Fünfeckig, rundherum Läden (auch der von Kammerspiele-Ensemblemitglied Gundi Ellert). Sonst nichts? Zum einen Olafur Eliassons riesige Kugel aus Stahlbändern, die einem auf dem Kopf zu sitzen scheint und im Grunde die komplette Lufthoheit im Hof besitzt. Zum anderen: Erst der genauere Blick nach oben entdeckt und genießt den Architekten-Spaß. Der steingraue Fassadenkranz ist mehrfach gerundet: an den Ecken, in die sich zum Teil sogar gebogene Fenster schmiegen; aber auch nach unten zu den Schaufenstern und nach oben zum Dach schwingt die - vor die alten Mauern geblendete - Wand aus. Selbst bei einigen Fensterkanten wölbt sie sich vor, schafft Plastizität. De Meuron spricht hierbei gern von "Gefäß".</P><P>Der Amirahof von Hilmer & Sattler ist kein Durchgangsort. Er wurde konsequent zu einem Hortus conclusus gestaltet - mit geometrisch angeordneten und beschnittenen Eisenbuchen auf Kies. Einzige Akzente in diesem stillen Gärtchen die optisch heiteren, aber sicher unbequemen Beton-Hocker, Remy Zauggs Orange wohltuend die Modernität. Wehmütig erinnert man sich, dass sie einst in der Passage zur traditionsreichen "Alten Börse" wachte. Das gemütliche Kaffeehaus musste leider dem kalt-abweisenden Schäfflerhof weichen.</P><P>Da sich die Bank viel auf ihr Kunstengagement zugute hält, ist es nur recht, dass jetzt auch eine Galerie in den Fünf Höfen zuhause ist: Das Ehepaar Wittenbrink will im Wechsel junge Kunst und alte Könner bieten.</P>

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