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"Dialogues des Carmélites": Die Überwindung der Angst

München - Dmitri Tcherniakov inszenierte am Münchner Nationaltheater Francis Poulencs Oper „Dialogues des Carmélites“. Eine Premierenkritik.

Wer schon kannte das Stück? Schlimmer: Wer wollte es dringend kennenlernen? Ein Nonnenkloster. Märtyrertode. Keine Liebesgeschichte! Und dann legen Kent Nagano und Dmitri Tcherniakov los, dass man bis zur Pause kaum zum Atmen kommt. Licht an. Tosender Straßenlärm. Die Bühne im Münchner Nationaltheater ist voll mit hastenden Menschen. Davor, mit dem Rücken zum Publikum, ein einzelnes, verängstigtes Mädchen. Licht aus, und Nagano beginnt mit den ersten Takten von Francis Poulencs „Dialogues des Carmélites“.

Dieser Anfang hämmert uns ein: Das Stück spielt heute, unter uns. Alle genauen Zeit- und Religionsbestimmungen sind eliminiert. Tcherniakov steuert eine zeitlose Parabel über die Angst und ihre Überwindung, über Einsamkeit allein und in der Gruppe, über Stärke und die Stärke der Schwäche an. Dazu baute er sich eine schlagend einfache Bühne: weiter, ungeschützt-gefährlicher Raum, oft undurchdringlich neblig beleuchtet, und im Kontrast dazu auf der Drehbühne ein einfaches, gut einsehbares Holzhaus: umfriedeter, vielleicht auch gefährlich abgeschlossener Schutzraum – der Konvent. Hier leben Nonnen, alle in Elena Zaitsevas morbidfarbiger, ärmlicher Alltagskleidung, als hätten sie alles von Gorkis Nachtasylanten geerbt. Hierher kommt Blanche, die das Leben vor Angst und Schwäche nicht mehr anderswo zu ertragen glaubt. Klar zeichnet der Regisseur die verschiedenen Charaktere der Klosterfrauen: die alte Priorin, hart, streng, in ihrer Krankheit zum Tode – zum großen Schrecken von Blanche – aber plötzlich ohne alle Heilsgewissheit.

Da flicht Tcherniakov Momente der Wärme, der Berührung ein, bewegend gespielt von Silvie Brunet mit ihrem tiefen Mezzo und Susan Grittons hell-leuchtender Blanche. Buchstäblich bis zur Selbstentblößung lässt sich die stimmstarke Susanne Resmark auf die spannende Rolle der Mère Marie ein: unnachgiebig, forsch, burschikos, überzeugt, dass eigentlich nur sie die neue Priorin werden würde. Wie zeigt Tcherniakov das? An einfachen Handlungen: die Härte, mit der sie ein Kissen aufschüttelt, ein Bett bezieht, der Todkranken die Strümpfe auszieht. Sie macht das alles korrekt, kalt, ohne eine Spur von Mitgefühl. Priorin wird dann dennoch die viel unsicherere, aber menschliche Madame Lidoine, der Soile Isokoski den Glanz ihres Soprans mitgibt. Auffallend der Silberton in der Stimme von Hélène Guilmette als heiter-naive Constance.

Alle diese Charaktere werden gespiegelt in dem traurig-aufmerksamen Blick von Grittons übersensibler Blanche, die sich schon unter größten Mühen von ihrem Vater (Alain Vernhes) und dem nervös übergriffigen Bruder (intensiv: Bernard Richter) befreien musste. Zusammen mit Nagano gelingt der Regie ein bis zum Äußersten gehendes, dennoch nie überzogenes Spiel von Menschen in Grenzsituationen. Der Eingriff in den Stückablauf am Ende ist allerdings stark: Statt des gemeinsamen Todesmarschs der Karmelitinnen, die den Märtyrertod geschworen haben, wenn eine neue Obrigkeit (vertreten unter anderem durch Ulrich Ress als Kommissar) sie an ihrem, wie sie meinen, gottgefälligen Leben hindert, zieht Blanche, in ihrer Schwäche plötzlich erstarkt (wodurch eigentlich?), die schwer keuchenden Schwestern aus einer Art Gaskammer, um dann als Einzige hineinzugehen und sich sprengen zu lassen.

Das ist vielleicht ein schöner Gedanke des stellvertretenden Opfers – hat aber nichts mit dem Stück und dessen auskomponierten Guillotine-Schlägen zu tun. Kent Nagano, durch die französische Kultur zuerst europäisiert und ihr bis heute ergeben, dirigiert die vielschichtige Musik von Poulenc, die zwischen Debussy, wunderbaren Kirchenchören, Tristans Englischhorn und ironisch spritziger Eleganz vieles verarbeitet, was einem Spätgeborenen zugänglich ist. Der Komponist wahrte dabei jedoch einen eigenen, gut anhörbaren, flüssigen Ton, den Nagano mit dem Staatsorchester und dem ausgezeichneten Chor sehr fein und sensibel artikuliert. Dmitri Tcherniakov jedenfalls, umjubelt und von wenigen schwach bebuht, soll bitte wiederkommen. Seine klare Theatersprache ist ein Gewinn. Dass man in diesen Wochen, wo es fortwährend um die Fragwürdigkeit von geschlossenen Systemen geht, hellwach auf Parallelen in diesem Stück reagiert, fügt dem Abend noch einen Schuss realer Aktualität zu.

Nächste Vorstellungen am 1., 8., 14., 17., 23. April; Telefon 089/ 21 85 19 20.

Von Beate Kayser

Die Handlung

Blanche de la Force wird von Angstanfällen gequält und sucht Zuflucht in einem Karmel, muss aber erleben, dass es auch dort keinen Schutz vor existenziellen Ängsten gibt. Vor allem der bittere Tod der alten Priorin, die jede Heilsgewissheit verliert, erschüttert sie. Ihr Bruder versucht vergeblich, sie zur Rückkehr zu bewegen. Als die Außenwelt in die Gemeinschaft eindringt, ruft die strenge Mutter Maria zum Widerstand auf und presst den Mitschwestern ein Martyriumsgelübde ab. Blanche flieht, findet aber, als die Schwestern sich auf den Tod vorbereiten, in sich die Kraft, sie zu retten und allein den Tod auf sich zu nehmen.

Rubriklistenbild: © dpa

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