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Unter der drohenden Discokugel werden sie zum Paar: Liliom (Steven Scharf) und Julie (Anna Drexler).

"Liliom" in den Kammerspielen

Überzeugend geformt

München - Stephan Kimmig inszenierte an den Münchner Kammerspielen Molnárs „Liliom“ mit Steven Scharf in der Titelrolle.

Die Bühne ist weit und schwarz, und über ihr schwebt, droht, thront eine gigantische Discokugel (Bühne: Eva-Maria Bauer). Dagegen ist das Menschlein klein und schmal, das da in der Lautlosigkeit Tanzschritte ertastet. Erst zur Magenschwinger-Musik läuft’s besser, ein richtiger „Saturday Night Fever“- oder „Dirty Dancing“-Schwofer wird Liliom freilich nicht werden. Aber sein Narzissmus und seine Sehnsucht kommen in diesem hinzuerfundenen Dramenbeginn wunderbar zum Ausdruck.

Nun haben sich nach Volkstheater (2007, Liliom: Moritz Rinke) und Staatsschauspiel (2010, Michael von Au) auch die Münchner Kammerspiele an Ferenc Molnárs ungarischer „Vorstadtlegende“ (Übersetzer Alfred Polgar), also an „Liliom“, versucht. Sie können dabei mit einem grandiosen Pfund wuchern: Steven Scharf. Zumal der Striezzi Liliom, dieser Schausteller-Macho und so tollpatschig liebende wie raubende Kerl, selten von einem Schauspieler und seinem Regisseur überzeugend geformt wird.

Stephan Kimmig setzte für seine Inszenierung, die am Samstagabend im Schauspielhaus Premiere hatte (zwei Stunden) nicht auf k.u.k.-Prater-Idylle, auch wenn vom „Ringelspiel“ die Rede ist. Anja Rabes’ Kostüme peilen mit einiger Streuweite die Siebzigerjahre an. Da schiebt Liliom stocksteife Mädchen auf Rollschuhen über die Bahn. Und die geben sich betont ungeschickt, damit nur ja der starke Arme sie hält.

Molnárs eigentlichen Dramenstart grellt Kimmig als Brüllgefecht von Zombie-Weibern auf, dass einem um den kommenden Abend Angst und Bang wird. Allerdings: Wenn Scharf den typischen Volksfestansager-Sprech abzieht und bei Wiebke Puls’ Frau Muskat, Lilioms Chefin, die echte Angst aufglimmt, ihn zu verlieren, hofft man wieder auf eine gute Aufführung. Instinktiv hat sie erkannt, dass unter den vielen Mädchen, die den Aufreißer vom Dienst anhimmeln, Julie (Anna Drexler) echte Gefahr bedeutet. Als Liliom, nun entlassen, und Julie, auch entlassen, endlich allein sind, erblüht eine der schönsten Liebesszenen, die man seit sehr langer Zeit auf einer Bühne erleben durfte. Da sie auf keinen Fall ein Liebesgeständnis über die Lippen bringen wollen – auch später nicht, als Liliom stirbt und tot ist –, setzt die Inszenierung auf Körpersprache. Nein, nicht plumpes Geschlechsverkehr-Getue läuft ab. Der Macho beugt das Knie und macht dem Mädchen die Schuhe zu. Steven Scharf tut das mit hingebungsvoller Zärtlichkeit. Dann lehrt dieser Narziss, den er damit langsam abstreift, sie die ersten Tanzschritte: Ein Paar entsteht. Als sie die Hände ineinanderlegen, „sprechen“ die eine lange, innige Liebeserklärung – die jeder Zuschauer versteht.

Dass sich der Alltag mit Armut, Lilioms Faul- und Dummheit, dem Gauner Ficsur (Katja Bürkle als androgyne Groteskfigur) und der misstrauischen Obrigkeit (Walter Hess, Stefan Merki) nicht nach den Träumen der Liebenden richtet, wird schnell klar. Besonders im Kontrast zum gut bürgerlichen Pärchen Marie und Wolf. Marie Jung spielt ihren Part mit auf den Punkt dosierter Komik, Christian Löber sympathisch trotz Überdosierung. Wiebke Puls’ Muskat ist eine starke Rivalin von Julie und liefert sich mit Scharf ein herrliches raubtierhaftes Hassliebe-Duell. In solchen Szenen geht Stephan Kimmigs Konzept, Tanztheater-Elemente zu nutzen, voll auf. Glück hat er obendrein mit Anna Drexler, die eine überzeugende Julie gibt: witzig, kraftvoll, eigenständig. Das ist sie am Ende ebenfalls als Julie-Tochter Luise, der Papa Liliom, vom Jenseits zurückgeschickt, die Discokugel schenkt.

Simone Dattenberger

Nächste Vorstellungen

am 11. und 27. März sowie am 4., 8., 20. und 24. April; Telefon 089/ 233 966 00.

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