Überzeugungstäter

- Es schienen jeweils Sekunden zu vergehen zwischen den dumpfen Pizzikato-Schlägen, und in der zwischen ihnen eintretenden Stille war in der ganzen großen, gut gefüllten Philharmonie kein einziger Laut zu hören, kein Husten, kein Räuspern, keine Bewegung. Wenn es einen Beweis dafür bräuchte, dass inspiriertes Musizieren eine körperliche Wirksamkeit hat, dass es den Atem stocken lassen kann, Yakov Kreizberg und die Münchner Philharmoniker hätten ihn an diesem Abend in Schostakowitschs elfter Symphonie erbracht.

Tatsächlich schien hier, am Übergang vom zweiten Satz zum Trauergesang des Adagios, mit den Geisterstimmen von Celesta und Harfe im hohen Register, alle Hoffnungslosigkeit dieses Rätselstücks zu kulminieren - gerade hier, in der Langsamkeit und Stille, nicht in den sattsam vorhandenen Rasereien.<BR><BR>Eine gemeinsame Überzeugungstat von Dirigent und Orchester - und doch wurde klar, warum die elfte unter Schostakowitschs Symphonien ein bisschen das Aschenputtel bleibt: die vom Komponisten betriebenen Verwirrspiele; der Titel "Das Jahr 1905", der auf den St. Petersburger Volksaufstand von 1905 hinweist; sein heimlicher Hinweis, sich eigentlich auf den Ungarnaufstand von 1956 zu beziehen; die vielen Zitate aus slawischen Revolutions- und Volksliedern und der orthodoxen Liturgie - das alles schafft für den uneingeweihten Westeuropäer ein undurchschaubares Netz von Bedeutungen, das von den musikalischen Details abzulenken droht.<BR><BR>Zuvor hatte in den "Liedern eines fahrenden Gesellen" der österreichische Bariton Wolfgang Holzmair seine Mahler-Kompetenz mit dunkel-klarem Timbre und angenehm unangestrengter Tongebung unter Beweis gestellt. Die Konzertouvertüre in E-Dur op. 12 des jungen Karosl Szymanowski stand am Anfang und überzeugte durch einen energetischen Schwung, dem man eine gewisse symphonische Maßlosigkeit schmunzelnd verzeihen musste.<BR>

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