Üppiger Flickenteppich

- Noch stehen die meisten Klimakisten unausgepackt herum, hängen nur die Zettel an den Wänden, die markieren, wo welches Gemälde seinen Platz finden soll. Noch bohren die Handwerker lärmend Verankerungen, stehen die Flaschen mit Glasreiniger vor den Vitrinen und putzt der Experte einen vielfach gebauchten Vierbecher-Willkomm, den einer der berühmtesten Goldschmiede um 1541 geschaffen hatte. Wenzel Jamnitzers Arbeit für den Kurfürsten Johann Friedrich den Großmütigen kam vom Coburger Schloss Callenberg nach München ins Haus der Kunst. Noch werkelt das Ausstellungsteam unter Kurator Wilfried Rogasch hochkonzentriert am Aufbau der Schau "Schatzhäuser Deutschlands - Kunst in adeligem Privatbesitz", bis sie ab 19. November für die Besucher zugänglich ist.

<P>"Die Leihgeber heißen so wie die deutschen Bundesländer", schmunzelt Rogasch, "nur einen Herrn Nordrhein-Westfalen gibt es nicht". Vor sieben Jahren hatte der Kunsthistoriker die Royal Collection der Queen in der Bundesrepublik vorgestellt und dabei die teilweise deutschen Wurzeln nicht vergessen. "Fünf Adelshäuser beteiligten sich an der damaligen Ausstellung. Plötzlich befanden sich die auf Augenhöhe mit der Königin. Und das hat mir Türen geöffnet." Damals entstand auch die Idee, eine umfassende Exposition über "die erheblichen Schätze in Privatbesitz zu machen". "Eines Tages bringst du die alle zusammen, und bis auf zwei, drei Ausnahmen sind jetzt alle Adelsfamilien dabei, die Kunst besitzen", betont Rogasch stolz, aber auch etwas ermattet. Nicht nur weil er extrem viel zu tun hat - und vor allem hatte, um alle der über 40 Leihgeber vom Haus Baden über Hannover, Preußen, Salm-Salm bis zum Haus Württemberg zu überzeugen, sondern weil der Kurator auch andere als adelige Interessen hat. Selbst wenn er nun für die DuMont-Reihe "Schnellkurs" über den Adel geschrieben hat. "Als nächstes mache ich eine Elend-Ausstellung über Flucht und Vertreibung."</P><P>"Faszinierende Binnenexotik Deutschlands."<BR>Wilfried Rogasch</P><P>Am Adel hat Rogasch nicht die Klatschpressen-Seite fasziniert, sondern dass er das "herrlich Anarchische des Flickenteppichs Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation" verkörpert. Also eine Vielfalt, die zwar etwas chaotisch ist, aber ermöglicht hat, dass auch "tief im Wald" auf entlegenen Schlössern Kunst zu finden ist. So soll die Präsentation im Haus der Kunst "zeigen, dass Deutschland auch abseits der Kunstmetropolen große Sammlungen besitzt". Zum Beispiel werden erstmals Exponate aus "der bedeutendsten Antiken-Sammlung in deutschem Privatbesitz" zu sehen sein. Damit ist die Spannweite der Ausstellung beschrieben. Sie reicht vom Altertum bis ins Jahr 2003, zu den Foto-Arbeiten von Candida Höfer für Gloria von Thurn und Taxis (wir berichteten).</P><P>Der Kleinstaaten-Flickenteppich bescherte einerseits eine Fülle von Sammlungen, andererseits schützte die Abgeschiedenheit vor Zerstörung im Krieg. Das Bewahren geht noch in eine andere Richtung: "Fasziniert hat mich bei meinen Reisen", erzählt Rogasch, "die Binnenexotik Deutschlands. Da wird tief im Odenwald eine berühmte Elfenbeinschnitzerei bis jetzt weitergeführt. Die hatte Graf Franz zu Erbach Ende des 18. Jahrhunderts eingeführt, nachdem seine Untertanen ihr Auskommen nicht mehr im Abbau des heimischen Eisenerzes fanden. Heute werden nur noch die Stoßzähne von verblichenen Zirkuselefanten verarbeitet." </P><P>Natürlich ist Rogasch auch von den Adelsfamilien selbst angetan, die ihm zumeist "unheimlich großzügig" entgegenkamen. "Es hat wahnsinnig Spaß gemacht zu sehen, dass diese Leute mit Kunst leben. Die Restauratoren würden zwar einen Herzanfall kriegen, wenn sie erleben müssten, dass da jemand unter einem Frans Hals eine dicke Zigarre raucht." Der Kurator unterstreicht außerdem das Verantwortungsgefühl der Häuser ihrem Besitz und zukünftigen Generationen gegenüber. Das Problem der - oft kritisierten - Veräußerungen sieht Wilfried Rogasch nicht: "Es gibt sie, aber der Normalfall ist, dass nicht verkauft wird."</P>19.11.-13.2., Tel. 089/ 211 27 113; Katalog, Prestel Verlag: 34 Euro.

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