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Er will mit Religion nichts zu schaffen haben – und doch eskaliert das Gespräch zwischen Amir (Bijan Zamani) und seinen Freunden durch Glaubensfragen.

Bijan Zamani in der Hauptrolle

Uitdehaag inszeniert "Geächtet": Bürger-Krieg im Residenztheater

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München - Es ist eine sehr gewissenhaft arrangierte Versuchsanordnung, die Ayad Akhtar in seinem Drama zur Reaktion bringt. Antoine Uitdehaags Inszenierung am Residenztheater erntete herzlichen Applaus.

Beginnen wir mit einem astreinen Klischee, einem 1a-Vorurteil. Das Figurenkarussell, das uns Ayad Akhtar in seinem Stück „Geächtet“ (2011) präsentiert, ist typisch New York: Amir, erfolgreicher Anwalt mit Wurzeln im Mittleren Osten, seine Frau Emily, die als Künstlerin vom Islam fasziniert ist, Isaac, ihr jüdischer Kurator, und dessen afroamerikanische Frau Jory, Anwaltskollegin Amirs in derselben jüdischen Kanzlei. Gerahmt wird dieses Quartett von Hussein, der im Gegensatz zu seinem Onkel Amir gläubiger Muslim ist. All das ist „Melting Pot“ – und wie es im Schmelztiegel klingt, lässt uns Regisseur Antoine Uitdehaag gleich zu Beginn seiner Inszenierung im Münchner Residenztheater hören: nach schnatterndem Stimmengewirr.

Zugegeben, es ist eine sehr gewissenhaft arrangierte Versuchsanordnung, die der Autor in seinem Drama, das 2013 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet wurde, zur Reaktion bringt. Denn natürlich ist die Haut der Zivilisation dünn, die den kultivierten Umgang miteinander garantiert, auf den sich hier alle so viel einbilden. Befeuert durch Alkohol sowie zwischenmenschliche Sorgen und Begehrlichkeiten wird die Grenze des Respekts im Laufe eines Abendessens niedergetrampelt. Unter der intellektuellen Oberfläche lauert der Hass, wird Politisches privat und Privates politisch. Da geht es plötzlich um Herkunft und Religion – und schon stürzt sich die schöne, ach so aufgeklärte Runde ins „Wir“ gegen „Die“, ins „Ich“ gegen „Euch“. Schließlich sitzt allen genau das „in den Knochen“, wie Amir feststellt.

Klug gebaut und absolut broadwaytauglich

Nicht nur durch diesen Rückfall in die Steinzeit des gesellschaftlichen Umgangs erinnert Akhtars „Geächtet“ an Yasmina Rezas „Der Gott des Gemetzels“ (2006). Auch sein Stück ist elegant geschliffen, klug gebaut und absolut broadwaytauglich, wo es 2014 herauskam. Ein Drama, das vorgibt, Boulevard zu sein, doch übers Geplauder grundsätzlich wird. Der Text fließt und springt und perlt – und offenbart seine Widerhaken erst nach und nach. Da braucht es natürlich Schauspieler, die solche Dialoge punktgenau zu präsentieren wissen. Die hat Uitdehaag – und daher konnten seine 100 unterhaltsamen, hintersinnigen Theaterminuten eigentlich auch nicht schiefgehen. Bijan Zamani, Nora Buzalka, Götz Schulte, Lara-Sophie Milagro und Jeff Wilbusch beherrschen Konversation wie Eskalation. Sätze sind bei ihnen ebenso Waffen wie Blicke und Pausen. Verbales und Nonverbales greift in dieser Inszenierung mit beeindruckender Präzision ineinander. Wenn nun die Premieren-Anspannung schwindet, wird diese doppelbödige Komödie noch reibungsloser dahinschnurren und dabei unser aller Schwächen höchst unterhaltsam entblößen. Das ist bestes Repertoire-Futter.

Der Bürger-Krieg entbrennt in einem stilvoll-eleganten Loft, das Momme Röhrbein auf die Bühne des Residenztheaters gebaut hat und das Amirs und Emilys Reichtum vor allem durch seine Großzügigkeit dokumentiert. Vor dem unschuldig-weißen Hintergrund des Interieurs heben sich freilich die schmutzigen Vorurteile besonders ab. „Wir lassen uns alle viel zu sehr von der Optik beeinflussen“, sagt Emily gleich zu Beginn, als sie mit Isaac über ihre Kunst spricht. „Wir haben vergessen, die Dinge auf ihr wirkliches Sein hin zu betrachten.“ Als sie und die anderen im Umgang miteinander genau das dann jedoch tun, ist nichts mehr wie zuvor. Herzlicher Applaus, ein einsames Buh für die Regie.

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