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Ukraine-Krieg: Wolf Biermann fordert Waffenlieferungen

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Von: Michael Schleicher

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Wolf Biermann zu Gast in München: Der Liedermacher und Dichter spricht über Heinrich Heine, den Ukraine-Krieg und den Kommunismus. Unsere Kritik:

Die undankbarste Rolle an diesem Abend hat das Jackett von Wolf Biermann. Bereits als der Liedermacher und Dichter aus den Tiefen des Jüdischen Zentrums am St.-Jakobs-Platz zum Saal läuft, wo er auftreten wird, trägt er es achtlos überm Arm. Dann geht er auf die Bühne – ach, was: er entert selbige – und pfeffert die Klamotte in den Gitarrenkoffer. Braucht keiner. Biermann mag im November 86 werden – doch dieser Wolf ist noch bissig.

Wolf Biermann bei seinem Konzert im Jüdischen Zentrum München.
Wolf Biermann bei seinem Gastspiel in München. © Astrid Schmidhuber/Münchner Merkur

Wolf Biermann feiert am 15. November 2022 seinen 86. Geburtstag

In München ist er an diesem 15. September 2022 auf Einladung des Kulturzentrums der Israelitischen Kultusgemeinde und der Volkshochschule: Mehr als 400 Menschen wollen bei seiner Zwiesprache mit Heinrich Heine (1797-1856) dabei sein; der Saal ist ausverkauft. Eh klar. Vor wenigen Tagen habe er das Programm in der Elbphilharmonie geübt, verrät Biermann. „Damit ich mich hierher trauen kann.“ Dann schmunzelt er: „Das sollte ein Scherz sein. Jetzt merke ich: Es war keiner.“

Biermann wurde 1976 aus der DDR ausgebürgert

Hemdsärmelig plaudert, poltert, posaunt sich der Künstler durch Heines Werk – sowie durchs eigene Schaffen. Dabei vergisst er den Dank an Ludwig I. nicht, dass der „Heine nicht als Professor an der Münchner Uni“ eingestellt habe: „Können Sie sich vorstellen, was sonst aus ihm geworden wäre? Schrecklich!“ Mit Heine verbindet Biermann eine Herzens- und Geisteskomplizenschaft, wobei die Bewunderung des 85-Jährigen für den Dichter, dessen Arbeit Höhe- und Endpunkt der Romantik markiert, nie ohne Augenzwinkern daherkommt. Biermann eröffnet mit dem liebreizenden „Leise zieht durch mein Gemüt“ in der Vertonung von Felix Mendelssohn Bartholdy, um es im Anschluss mit Heines „Lied des Gefangenen“ in der eigenen Komposition zu kontrastieren. Aus diesem Spannungsfeld zieht der Abend Kraft. Der Liedermacher begleitet sich mit Gitarre oder am Flügel – und ist gesegnet mit der mit jedem Lebensjahr interessanter werdenden Biermann-Stimme. Ob er nun singt, rezitiert oder erzählt – da wispert, schmeichelt, grollt, schnurrt und zirpt es vortrefflich. Höhepunkte sind seine Lieder „Mit neuen Freunden saß ich die Nacht“, „Auf dem Friedhof am Montmartre“, „Die Mainacht in Paris“ und „Vom Regen in die Jauche“ – das war Biermanns Reaktion auf seine Ausbürgerung durch das DDR-Regime nach dem Köln-Konzert 1976.

Ukraine-Krieg: Wolf Biermann fordert Waffenlieferungen

Überhaupt der Kommunismus. Von seinem „Kinderglauben“ sei er auch durch Heine losgekommen, berichtet er, nimmt Brechts „Lob des Kommunismus“ aber dennoch ins Programm und fragt: „Wie kann man so ein geniales Gedicht schreiben, bei dem jede Zeile falsch ist?“ Er singt es in der Vertonung von Hanns Eisler und in der Intonation von Helene Weigel, deren Vortrag er viele Male im Berliner Ensemble gelauscht habe: Die Nummer gerät zum ironischen Glanzstück. Das jedoch führt den Künstler zu seinem Vater, Hamburger Kommunist und Jude, den die Nazis 1943 in Auschwitz ermordeten. Dagobert Biermann und seine Genossen spionierten 1937 Hitlers Waffenlieferungen an Franco aus; diese waren die entscheidende Hilfe des Diktators im Spanischen Bürgerkrieg. Am Donnerstag nutzt der Sohn seine Erinnerung zum Kommentar auf die Gegenwart: „Mindestens so zuverlässig wie Hitler für Franco sollten wir doch mit Waffenlieferungen für die Ukraine sein.“ Musikalisch hat er Russlands Krieg in „Vaterseelenallein“ verarbeitet, das ebenfalls den Bogen vom Spanischen Bürgerkrieg ins Heute schlägt. Da singt er etwa: „Und jetzt wedelt mit dem russischen Hund/ manch deutschnational-pazifistischer Schwanz.“ Nach zweieinhalb intensiven, kämpferischen, lustigen und bedenkenswerten Stunden: Standing Ovations. Das Jackett bleibt im Gitarrenkoffer. Unbeachtet.

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