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Ulla Hahn.

Ulla Hahns neuer Roman: „Aufbruch“

München - „Aufbruch“: Ulla Hahns Fortsetzung ihres Bestsellers „Das verborgene Wort“ erscheint heute. Merkur-Kulturredakteurin Simone Dattenberger hat sich das Buch schon angesehen. Eine Rezension.  

„Dat Kenk vun nem Prolete“, das ist Hilla Palm; das Kind von einem Proleten, das auf den Flügeln der Worte die Freiheit – nicht nur des Geistes a, aus denen man wunderbare Geschichten herauslesen konnte, bildeten die Grundmauer dieser Freiheit. Ulla Hahn (geboren 1946), zuvor vor allem bekannt durch ihre Gedichte, legte 2001 den dickleibigen Roman „Das verborgene Wort“ vor und beherrschte damit monatelang die Bestsellerlisten. Leser schenken ihr noch heute Steine, die ihnen besonders gut gefallen.

„Dat Kenk“ ist im neuen Roman „Aufbruch“ ein fast erwachsenes Mädchen geworden. Es hat die ersten Lebenskämpfe gewonnen: Hilla darf das Abitur nachmachen, kann die Tretmühle eines Bürolehrlings hinter sich lassen und hat ihre Sauferei besiegt. Aber die nächsten Kämpfe stehen an. Die junge Frau lebt in einer Welt – die 60er-Jahre der alten Bundesrepublik –, die „dat Kenk vun nem Prolete“ möglichst unten halten will, besonders wenn es weiblich ist. Und das gilt nicht nur für hochnäsige Wirtschaftswunder-Profiteure, sondern auch für die eigenen Eltern. In dem kleinen Ort am Rhein in der Nähe von Köln, der industriell geprägt ist, sind gebildete Frauen überflüssige Wesen.

Aber Hilla, die eigentlich Hildegard heißt und am Ende des Romans den Weisheiten der Patronin Hildegard von Bingen viel zu verdanken haben wird, stürzt sich jetzt erst einmal in das Glücksgefühl, Latein lernen zu dürfen. Herrlich, wie Ulla Hahn das Hohelied auf diese von vielen gefürchtete Sprache singt. Sinnlich und himmelhoch jauchzend lässt sie ihre Hilla diese Mutter vieler europäischer Sprachen genießen. Wie die junge Frau überhaupt eine Sprach-Schlürferin ist, die Worte, Dichtung, Lesbares als lebenspendende Nahrung aufsaugt: „Ich war auf einen Herzsatz gestoßen; ... Der Satz war mir zu Herzen gegangen, und ich würde mir, was das Buch zu sagen hatte, zu Herzen nehmen... Indem ich es erlas, würde ich mich selber lesen, indem ich es verstand, verstand ich mich. Bücher sollten mich aus mir herausfordern.“

Das Einswerden mit einem Buch funktioniert nicht

Das Einswerden mit einem Buch funktioniert natürlich nicht. Das verhindert schon das verständnislose Elternhaus von Hilla: der düstere Vater, der sie früher mit dem Gürtel schlug, die hypersparsame, katastrophensüchtige Mutter und die superkatholische Oma. Sogar positive Begegnungen können tückisch sein. Zwar sind der verstorbene Großvater, Erfinder der „Buchsteine“, und der Bruder Bertram, der Pfarrer und so mancher Lehrer unerschütterliche Schutzengel, aber mit Liebes-Kandidaten hat Hilla kein Glück. Eine Jugendliebe ist nur noch schmerzliche Erinnerung, der reiche Godehard sucht, wie sie erkennen muss, bloß ein Double für seine verstorbene Verlobte, und beim Schulfreund, der ihr Mathe-Nachhilfe gibt, schlägt ihr in dessen Zahnarzt-Elternhaus Oberschicht-Dünkel entgegen.

Hahn versucht sich hier an einer grotesken Episode. Sie schneidet „filmisch“ ineinander: die Fernsehszenen von John F. Kennedys Ermordung und das inquisitorische Gespräch über Hillas schiefe Zähne und die Zahnspange (hatte ihr Vater zerstört).

Dörfliche Damen mit Quelle-Katalog

Die Autorin wagt, beeindruckt – gewinnt aber nicht überzeugend, denn das Konstruierte tritt zu deutlich hervor. Von Zeit zu Zeit scheint der Schriftstellerin einzufallen, dass sie politische und kulturhistorische Fakten einstreuen sollte, dann tauchen von Adenauer über die Beatles bis Gastarbeiterinnen allerhand 60er-Jahre-Phänomene auf, um sogleich spurlos zu verschwinden. Am besten gelingt das Zeitkolorit, wenn Hahn einen kleinen dörflichen Damen-Clan schildert, der zum Beispiel kichernd und ratschend aus dem neuen Quelle-Katalog bestellt. Das lebt und sprüht, sprachspielt mit Platt, Hochdeutsch, Englisch und Latein – und ist heute obendrein aktueller Abgesang auf jene Verkaufskultur.

Trotz dieser Schlenker, die unterhaltsam sind und ein Erinnerungs-Ach-ja auslösen, verliert Ulla Hahn nie die Spannung zwischen „Proleten“ und Bürgern aus den Augen. Dabei schildert sie nur punktuell den selbstbewussten Arbeiter, dem Bücher wichtig sind, sondern ausführlich einen verdrucksten Kleinbürger, der sich unterwürfig ausbeuten lässt – wie Mutter und Vater. Diese Haltung verabscheut Hilla, begehrt zäh auf. Und lernt hinzu. Die Frankfurter Nazi-Prozesse laufen gerade; die Schüler sollen sich in ihrem heimischen Umfeld von der damaligen Zeit berichten lassen. Und da erfährt das Mädchen, dass Großmutter, Mutter und Vater einst sehr wohl Zivilcourage bewiesen haben. Dieses Lernen, die eigenen Klischees aufzubrechen, setzt sich in „Aufbruch“ unaufdringlich, aber immer stärker durch.

Das fürchterlichste Lernen – nämlich, dass die Buch-Welt nicht gegen alles schützt – gehört dazu: Hilla wird vergewaltigt. Da kann selbst sie sich nicht aus dem kleinherzigen „Hilla-Selberschuld“-Teufelskreis befreien. Die Katastrophe verkapselt sich wie TBC in ihrem Körper. Dichter-Worte dürfen nicht mehr gefühlt werden, sonst zerspringt der Schutzpanzer: Hilla muss sich selbst von ihrem Lebenselixier abschneiden. Zunächst liest sie nur noch Sachbücher – bis sie in Köln ihr Germanistikstudium aufnimmt. Dort an der Universität puffert die Wissenschaftssprache, die Ulla Hahn genießerisch persifliert, die emotionale Kraft der Dichtung ab.

Die Autorin führt ihre Figur mit der Vergewaltigung in den kalten, luftleeren Raum – einen ohne Liebe zur Kunst, ohne Vertrauen in den Glauben –, lässt sie in der völligen Unsicherheit einsam schweben. Und verliert sie doch nicht. Hier liegt die Leistung Hahns. Hier geleitet sie unsentimental und weise – eben nicht literarisch konstruiert – ihre Heldin aus dem seelenzerfetzenden Schmerz in den erträglichen Alltag des Weitermachens: „Wie viele Seiten hat ein jedes Ding, hatten wir als Kinder den Großvater gefragt. So viele, wie wir Blicke für sie haben, war seine Antwort gewesen. Und bei Menschen war das nicht anders. Im Guten und im Bösen.“

Ulla Hahn: „Aufbruch“. Deutsche Verlags-Anstalt, München, 587 Seiten; 24,95 Euro.

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