Unabhängig vom Krawall

- Dass gewissen Opernfreunden bei seiner Namensnennung der Kamm schwillt, ist ein Pawlow'scher Reflex, der aus einem Missverständnis geboren ist. Ein Werkzertrümmerer, ein Gag-Lieferant, ein Regisseur, der hauptsächlich sich selbst statt das Stück inszeniert, ist Peter Konwitschny nämlich nie gewesen. Schließlich gehört er, der heute seinen 60. Geburtstag feiert, einer aussterbenden Spezies an.

<P>Im Unterschied zu all den Schlingensiefs, Dörries und Eichingers, die sich Oper zutrauen, ist Konwitschny nämlich ein metiersicherer Handwerker. Zwar vom moralischen Auftrag des Theaters schier besessen, von seiner aufklärenden Wirkung, seiner Erotik, seiner berührenden Kraft überzeugt, dabei aber alles, was er Sängern abverlangt, aus der Partitur begründend: "Es steht doch alles in der Musik drin", wie er im Interview mit unserer Zeitung lapidar sagte.</P><P>Dass er dabei den Stücken ein scheinbar fremdes Ambiente verpasst, mag verschrecken: "Lohengrin" im Klassenzimmer, die "Csárdásfürstin" im Schützengraben und jüngst "Moses und Aron" in der Betriebskantine bewiesen aber, wie mit guter alter Brecht'scher Verfremdung noch immer Erstaunliches über Charaktere und Beziehungsgeflechte gezeigt werden kann.</P><P>Geboren ist Peter Konwitschny, Sohn des berühmten Dirigenten Franz Konwitschny, in Frankfurt am Main, aufgewachsen ist er in Leipzig. Frühe Inszenierungen besorgte er für Greifswald und Altenburg, dann folgten Halle, Dresden und Leipzig. Die "Zeit in der Peripherie", so Konwitschny, sei bestimmend für seine Karriere gewesen. "Ich durfte etwa in Vorpommern mein Unwesen treiben und dort in Ruhe spüren, was Substanz ist. Nur diese Substanz macht einen unabhängig vom ganzen Krawall, der sonst auf dem Theater herrscht."</P><P>Aufsehen erregte Konwitschny im Westen in Graz, das ihn für einen ganzen Regie-Zyklus holte, der große Durchbruch war indes der Münchner "Parsifal" von 1995. Drei Jahre später folgte hier "Tristan und Isolde", eine Arbeit, die am Scheitern vorbeischrammte: Der Streit mit Waltraud Meier überschattete die Proben, danach herrschte zwischen der Staatsoper und Regisseur Funkstille, über Konwitschnys größte Regie-Taten durften sich daraufhin die Hamburger freuen.</P><P>Paradox ist dabei, dass er, der sich anfangs gegen das Opernsystem stellte, nun zum umschwärmten, etablierten Regie-Star aufgestiegen ist. Statt früher zwei Inszenierungen traut er sich nun mindestens vier pro Saison zu, wodurch nicht mehr allen Arbeiten Ausnahmerang gesichert ist.</P><P>Zumal Konwitschny auch mit PR-trächtigen Provokationen - Unterbrechung der Musik ("Don Giovanni" in Berlin) oder Bespielung des gesamten Theaters inklusive Foyer (Hamburgs "Don Carlo") - bestimmte Erwartungen bedient. Was er, dieser genaue, feinzeichnende Beobachter, eigentlich gar nicht nötig hätte.</P><P>2005 wird Konwitschny nach München zurückkehren, mit Wagners "Fliegendem Holländer". Und auch in der Ära Christoph Albrecht ab 2006 darf einiges erwartet werden. Spannendes, sicher auch Ärgerliches für manchen Operngänger. Doch wer nur Zerstreuung suche, so der Regisseur, der solle doch bitte fernsehen.<BR></P>

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