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„Dein Spiel ist gespielt“: Nina Kunzendorf und André Jung in Jossi Wielers Inszenierung, die ab Oktober in München zu sehen ist.

Die unbekannte Geliebte

Gescheit, aber kein gutes Bühnenfutter: Jossi Wielers Handke-Beckett-Projekt bei den Salzburger Festspielen

Dichter über Dichter. Dichter über Dichter über Dichter. Mit dem Monolog „Das letzte Band“ (1958) schrieb Samuel Beckett (1906-1989) über einen alten Autor, Krapp, der sein Leben lang Tonbänder besprochen hat, um über sein Dasein, seine Arbeit zu reflektieren. Peter Handke (Jahrgang 1942) reagierte seinerseits auf dieses Stück mit einem Monolog. Die Unbekannte aus dem „Band“, nach der sich Krapp sehnt, redet in „Bis dass der Tag euch scheidet oder Eine Frage des Lichts“ (2008, zuerst auf Französisch) über den Mann Krapp und seine Art zu dichten und zu sein. Handke fügt also noch eine Schicht zu Becketts Vielschichtigkeit hinzu.

In Kooperation mit den Münchner Kammerspielen brachten am Sonntagabend die Salzburger Festspiele im Landestheater das „Duett“ heraus; Handke als deutschsprachige Erstaufführung. Jossi Wieler hat Regie geführt, André Jung spielt Krapp, Nina Kunzendorf , die damit an die Kammerspiele zurückkehrt, die unbekannte Geliebte. Die Stimme aus dem Off, die Handkes Pro- und Epilog formuliert, kommt von Barbara Nüsse. Sie und ein verfremdetes Video (Stefan Bischoff) geben die Impression wieder, dass sich aus einem Grabmal, das ein Paar zeigt, die Frau löst: „Mein Spiel jetzt. Dein Spiel ist gespielt...“

Aber das ist für Nina Kunzendorf nicht leicht zu verwirklichen, hat doch Handke einen mit Philosophie-, Zeichentheorie- und Literaturverweisen gespickten „Aufsatz“ verfasst. Der Unbekannten legt er Worte in den Mund, die gar nicht zu ihr passen wollen. Wieder geht es vor allem nur um Krapp und kaum um sie selbst: Dichter über Dichter über Dichter – eben. Das ist gescheit, nachdenklich, bisweilen poetisch geschrieben, aber kein gutes Bühnenfutter. Dass es sehr schwer ist, diese Analyse Krapps, die zum Teil auch Handkes Analyse von Beckett ist, auf der Bühne lebendig werden zu lassen, zeigte sich bei der Premiere. Jossi Wieler und Nina Kunzendorf sind mit ihrer Gestaltung (noch) nicht so weit, dass die Schauspielerin von einer souveränen Position aus den Text entspannt modellieren könnte.

Strahlend lebendig betritt sie die Bühne, ganz Gegensatz zu dem Knautsch-Zausel Krapp, der über seinem Tonbandgerät eingenickt ist. Träumt er sie? Später hört er immer aufmerksamer zu. Charmant und mit einem meist süffisanten Lächeln setzt Kunzendorf sich auf seinen Requisitenkoffer. Sie soll das normale Leben, ein Nicht-bedeutsam-Sein und die mögliche Zweisamkeit verkörpern – und muss doch ach so intellektuell daherreden. Aus diesem Handke’schen Paradox vermag Kunzendorf (noch) keinen Nutzen zu ziehen, keine Reibung zu erzeugen, keine unterschwelligen Nuancen anzubringen. Sie hastet durch ihren Monolog, der unmerklich von der Krapp-Kritik zum Krapp-Lob übergeht. Nun wagt sie sich doch an die Liebende, ist nicht mehr nur die freundliche Rechthaberin. Weich bekennt sie sich zum Paar-Sein, „bis dass der Tag uns scheidet“.

Nina Kunzendorf und André Jung stehen da schon außerhalb des Spiel-Kastens aus Alu-Teilen, der in den Bühnen-Kasten eingeschachtelt ist und zuerst vorne vor einer Art Eisernem Vorhang über dem Boden hing. Jung sitzt dort auf einem Allerweltsbürostuhl, während sich noch das Eintritts-Getümmel vor der Vorstellung vollzieht. Natürlich machen auch er und Wieler die Beckett-Reverenz vor den Clowns mit: Der Schauspieler steigt über ein nicht vorhandenes Hindernis, holt sich die notorische Komik-Banane, schält sie umständlich (der Penis-Witz, nicht von Beckett, ist blöd) und wirft die Schale auf den Boden. Jetzt ist das Hindernis da. Krapp wird aber erst darauf ausrutschen, wenn die Schale längst entsorgt ist.

Nach diesem stummen Vorspiel vollzieht er sein Tonband-Ritual: Erst lässt er sich das Wort „Spuuule“ auf der Zunge zergehen, wirft uns knapp „Abschied von der Liebe“ hin, bevor er ein Band abhört und dann dem „letzten“ seine aktuelle Befindlichkeit anvertraut. Vor 30 Jahren, er war 39, hatte er jenes besprochen – damals die Sehnsucht nach der Unbekannten, die er aufgegeben hat, und heute die gleiche Sehnsucht. Becketts Torso eines alten Dichters ist derart theaterperfekt komponiert, dass aus den Bruchstücken ein intensives, reichhaltiges Porträt entsteht, an dem ja jeder Zuschauer selbst mitmeißeln darf. In das setzt André Jung nur ein paar Akzente und entgeht so der Versuchung, eine plumpe One-Man-Show abzuziehen.

Handke weiß und bekennt, dass er gegen Beckett keine Chance hat – aber schön, dass er sie genutzt hat. Nina Kunzendorf muss das noch tun. Dann können wir uns in München auf die zweite Premiere freuen. Weitere Aufführungen bis 13. August, Tel. 0043/ 662/ 8045-500; Premiere in München am 30. Oktober.

von Simone Dattenberger

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