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Mit kindlicher Hoffnung auf Bargeld: Vertreter Zatke in „Geld sofort“. Zur Entstehungszeit des wiederentdeckten Films, vermutlich Ende der Fünfzigerjahre, trug Heinz Erhardt noch eine Brille mit runden Gläsern. Erst als er bekannter wurde, griff er zu den eckigeren, etwas wuchtigen Brillengestellen, die rasch zu einem Markenzeichen wurden.

Noch’n Film

Unbekannte Komödie mit Heinz Erhardt entdeckt

Wien/München - In Wien ist ein unbekannter Film mit dem Komiker Heinz Erhardt (1909–1979) aufgetaucht. „Geld sofort“ galt bislang noch nicht einmal als verschollen, weil er nirgendwo verzeichnet war.

Zwei flache, unscheinbare Pappschachteln schützen den Schatz. Die Ränder abgestoßen, die Ecken eingerissen; die Etiketten an der Seite der Kartons sind vergilbt und haften nicht mehr an allen Stellen: „1. Akt ,Geld sofort‘“ und „2. Akt ,Geld sofort‘“ ist schwungvoll und von Hand auf die beiden Schildchen geschrieben. In jeder Schachtel liegt eine Filmspule. Format: 16 Millimeter, üblich bei Fernsehproduktionen. „Das glaubt man eigentlich gar nicht“, sagt Nicola Tyszkiewicz über die Entdeckung der angestaubten Kartons.

Tyszkiewicz ist die Enkeltochter des Komikers und Komponisten, Schauspielers und Schelms Heinz Erhardt (1909–1979). Und sie verwaltet den Nachlass ihres Großvaters. Dass dazu seit wenigen Tagen auch der 37 Minuten lange Schwarz-Weiß-Film „Geld sofort“ gehört, ist nicht nur für die 55-Jährige eine große Überraschung: Diese Produktion war nirgends verzeichnet. Weder in Erhardts Filmografie noch in der seiner Schauspielkollegen, darunter der Österreicher Oskar Sima (1896–1969), der Münchner Ulrich Beiger (1918–1996) oder Christiane Schmidtmer (1939–2003), die später in Hollywood drehte und etwa mit Vivien Leigh und Oskar Werner in „Das Narrenschiff“ (1965) spielte.

Noch’n Film möchte man also sagen, in Anlehnung an Erhardts humoristischen Poesieband „Noch’n Gedicht“. Denn niemand wusste von dieser verspielten Komödie, in der er in der Rolle des Vogelsand-Vertreters Zatke auf das windige „Finanzierungsbüro Ehrlich und Co.“ hereinzufallen droht. Der naive Zatke befindet sich in „augenblicklicher Verlegenheit“ und braucht 800 Mark für den Kühlschrank, den seine Verlobte Putzi so sehr möchte.

Fund ist einem alten Kinofan zu verdanken

Wenn „Geld sofort“ am Dienstag erstmals im Fernsehen gezeigt wird, ist das vor allem dem Wiener Eventmanager Helmut Werner zu verdanken. Der besitzt nach eigenen Angaben eines „der größten Heinz-Erhardt-Privatarchive“ – und ihm wurden, wohl über mehrere Ecken (von wem genau, will Werner nicht sagen), die Filmspulen mit „Geld sofort“ angeboten: Sie lagen offenbar in der Sammlung eines inzwischen um die 90 Jahre alten Kinofans, der sich entschlossen hat, seine Kollektion aufzulösen.

Der Film basiert auf der Vorlage „Eine kleine Geschichte aus einer großen Stadt“ von Gabriel D’Hervilliez. Johann Alexander Hübler-Kahla (1902–1965), der etwa auch „Die Welt dreht sich verkehrt“ (1946) mit Hans Moser inszenierte, führte bei der Adaption Regie und produzierte „Geld sofort“. Die Hübler-Kahla Film GmbH saß damals an der Münchner Georgenstraße 27. Nicht nur das spricht dafür, dass die Komödie hier entstanden ist. Zwar fehlen bislang Belege für den Drehort München, doch es gibt starke Indizien: So sehen wir etwa in der ersten Szene Zatke in einer vollen Tram, derweil die „Südtiroler Straße“ als nächster Halt angesagt wird. Hier stoppt die 25er nach Grünwald bis heute, auf dem Weg liegen die Bavaria Filmstudios. Gut möglich, dass dort die Innenaufnahmen realisiert wurden. Zwischen dem ersten und zweiten Akt des Films hat Hübler-Kahla zudem Aufnahmen vom Verkehrschaos auf dem Stachus geschnitten. Hier irrt übrigens der Moderator und Fernsehproduzent Hubertus Meyer-Burckhardt, der diese Szene in einer NDR-Dokumentation zur Wiederentdeckung von „Geld sofort“ am Sendlinger Tor verortet.

Der Film gibt noch Rätsel auf

Unklar ist, wann der Film gedreht wurde. Manches deutet darauf hin, dass er Ende der Fünfzigerjahre entstanden sein muss, da die in Heidelberg aufgewachsene Nebendarstellerin Christiane Schmidtmer zu dieser Zeit ihre Schauspielausbildung in München begann. Umso überraschender ist es daher, dass „Geld sofort“ vergessen wurde – denn damals spielte sich Heinz Erhardt mit Filmen wie „Der müde Theodor“ (1957), „Witwer mit fünf Töchtern“ (1957) oder „Immer die Radfahrer“ (1958) gerade in die erste Liga der westdeutschen Spaßvögel.

Als Zatke zeigt er bereits einiges von dem, was ihn danach zum erfolgreichen Komiker der Wirtschaftswunderjahre machen sollte: Der Vertreter für Vogelsand, der da so dreist abgezockt wird, ist etwas tollpatschig. Ein verzagtes und unschuldiges (das Grauen der NS-Zeit war in den Köpfen des Publikums noch präsent) Kind im Körper eines Mannes, ein früher „Willi Winzig“. Jene Figur, mit der Heinz Erhardt erst auf der Bühne, dann in Film und Fernsehen populär wurde.

Tipp

„Geld sofort“ läuft am Dienstag, 6. Januar, um 22 Uhr im NDR Fernsehen; im Anschluss wird die Dokumentation „Geld sofort – die Geschichte zum Film“ ausgestrahlt (22.35 Uhr).

Michael Schleicher

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