Der unbekannte Weltberühmte

München - Mit der Biografie „Döblin“ von Wilfried F. Schoeller, dem renommierten Literaturwissenschaftler, ist ein erster Schritt, diesem Schriftsteller jene Bedeutung beizumessen, die ihm zukommt: künstlerisch auf gleicher Höhe wie Thomas Mann.

„Welch absurdes Verhängnis, das diesen Autor traf: zu viele zu gute Bücher geschrieben zu haben.“ Ein Resümee, das die Tragik dieses Dichterlebens umfasst. Die Rede ist von Alfred Döblin (1878-1957), dem großen Romancier, der vielleicht unbekanntesten Weltberühmtheit der deutschen Literatur. Als er nach dem Krieg, 1946, aus dem Exil nach Deutschland kommt, ist er voller Optimismus: Die Verlage, glaubt er, würden sich um sein umfangreiches Werk reißen. Doch wie wird Döblin enttäuscht! Seine Bücher erscheinen „nun als zu schweres Gepäck für eine Wiedereinbürgerung seines Gesamtwerks“. Verschärfend kommt hinzu: Die Nachkriegsausgaben sind wegen ihrer schlechten Aufmachung nach der Währungsreform unverkäuflich. Für Neudrucke fehlt es an Kapital und an Nachfrage. Der Autor von „Berlin Alexanderplatz“ stirbt krank und, gemessen an anderen Heimkehrern wie Erzrivale Thomas Mann oder Sympathisant Bertolt Brecht, in großer Armut.

Mit der soeben erschienenen, großen Biografie „Döblin“ von Wilfried F. Schoeller, dem renommierten Literaturwissenschaftler, ist, endlich, ein erster Schritt getan, diesem grandiosen Schriftsteller jene Bedeutung beizumessen, die ihm zukommt: künstlerisch auf gleicher Höhe wie der geniale Thomas Mann. In seiner so profunden wie detailreichen Lebens- und Werkbeschreibung zeichnet Schoeller Döblin als Menschen, der nie sich selbst zum Gegenstand seiner Literatur macht, dem jede Selbstinszenierung verhasst ist. Auch das ein Grund, warum bislang so wenig bekannt war über die Person Döblin. Indem Schoeller dessen Werdegang nachvollzieht, verdichtet er zugleich das Deutschland der späten Kaiserzeit, die Weimarer Republik, das Exil und die junge Bundesrepublik zu einem historischen Panorama. Das lässt die geradezu detektivisch erkundete Biografie zu einem faszinierenden, ergreifenden, spannenden Buch werden.

Alfred Döblin, 1878 in Stettin geboren, kommt zehnjährig mit Mutter und vier Geschwistern nach Berlin. Der Vater, ein Schneidermeister, hat mit einer „Schneidermamsell“ die Familie verlassen. „Ein Trauma, das ein Leben lang vorhalten wird“, schreibt Döblins Biograf. Geld, Geld, Geld - das ist von nun an die größte Sorge von Mutter Sophie, der der Treulose auch noch seine Schulden hinterlassen hat. Da ist es nur logisch, dass der begabte Sohn einen Beruf ergreifen muss, der etwas Wohlstand garantieren soll. Schreiben also kommt nicht in Frage: Alfred entscheidet sich gehorsam für Medizin, wird Nervenarzt, erfährt in den Krankenhäusern moralisches Reglement und täglichen Antisemitismus, betreibt mehr als 20 Jahre, bis 1933, eine Praxis im Berliner Osten. Und er schreibt, schreibt, schreibt - medizinische Fachliteratur, Prosa, Kritiken. In den Zwanzigern ist Döblin ein bekannter Autor. Im Herbst 1929 aber erscheint „Berlin Alexanderplatz. Die Geschichte von Franz Biberkopf“ - „deutsche Prosa wird Weltliteratur“, urteilt Schoeller. Aber die Zeit des Ruhms hält nicht lange an. Die Nationalsozialisten marschieren auf und im Februar 1933 verlässt der linksintellektuelle deutsche Jude, der längst aus der Jüdischen Gemeinde ausgetreten ist, das faschistische Deutschland. Döblin wird in Paris französischer Staatsbürger, rettet sich später in die USA. Als er - inzwischen zum Katholizismus übergetreten - 1946 nach Deutschland zurückkehrt, wird er nicht mehr heimisch. Berlin erkennt er, zerstört wie es ist, nicht wieder. Er bleibt in Baden-Baden und Mainz, praktisch ohne Einnahmen. 1953 zieht er wieder nach Paris: „Es war ein lehrreicher Besuch, aber ich bin in diesem Lande, in dem ich und meine Eltern geboren sind, überflüssig (...).‘“ Ihm war, und das ist die Trauer Alfred Döblins, unter den Nachkriegsdeutschen nicht zu helfen. Kurz vor seinem Tod wird ihm am 4. Juni 1957 der Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste zugesprochen. Die Verleihung ist auf den 27. Juni festgesetzt. Am 26. Juni stirbt Döblin in der psychiatrischen Klinik von Emmendingen, der einzigen, die bereit war, ihn als Pflegefall aufzunehmen.Natürlich ersetzt das Buch über einen Schriftsteller nie die Lektüre seiner Werke. Aber eines garantiert dieses gewichtige Werk von Wilfried F. Schoeller: enormes Hintergrundwissen und neue Lust auf Alfred Döblin.

VON SABINE DULTZ

Wilfried F. Schoeller: „Döblin“. Hanser, München, 911 Seiten; 34,90 Euro.

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