Unbequeme sind nicht im Trend

- "Er hat als einziger bedeutender deutscher Komponist den Mut gehabt, sich nicht mit dem Regime zu arrangieren", schreibt Ingo Metzmacher, Musik-Chef der Hamburgischen Staatsoper, über Karl Amadeus Hartmann in seinem sehr persönlichen Buch "Keine Angst vor neuen Tönen" (Rowohlt, 16,90 Euro). Ein emphatisches, nie verkopftes Plädoyer für Komponisten des 20. Jahrhunderts - und ein Dokument von Metzmachers künstlerischem Selbstverständnis. Bei den Münchner Philharmonikern dirigiert er Hartmanns zweite und sechste Symphonie, Strawinskys Konzert für Klavier und Bläser sowie Bartóks erstes Klavierkonzert. Solist ist Peter Donohoe, der für András Schiff einspringt (morgen, Sonntag und Montag).

<P>Hartmann in seiner Heimat München dirigieren, wo er die musica viva gründete, das scheint wie Eulen nach Athen zu tragen. Warum ist es nicht so, warum wird er auch in "seiner" Stadt vernachlässigt?<BR><BR>Metzmacher: Hartmann war ein unbequemer Mensch. Und irgendwie ist das im Moment nicht so im Trend. Er hat sich im "Dritten Reich" an seinen Lebensumständen gerieben und bekannte sich in der Musik zu seinen Idealen. Die Deutschen tun sich eben schwer mit der Tradition der Aufrechten. Auch nach dem Krieg ist Hartmann, man denke an die "Gesangsszene" über Sodom und Gomorrha, ein Mahner, ein Außenseiter geblieben. Was mich wiederum sehr anzieht.<BR><BR>Hartmann hielt am Prinzip Symphonie fest. Ein deutsches Phänomen?<BR><BR>Metzmacher: Sicher. Er hat sich, was den Ausdruckswillen und die Form betrifft, in der Beethoven'schen Tradition gesehen. Während des "Dritten Reichs" nannte Hartmann zwar manche Werke Symphonien, es waren aber Gefühlsäußerungen, die sehr mit der Zeit verbunden waren. Nach dem Krieg löste er seine Symphonien aus diesem Kontext, wurde abstrakter. Hartmann bildet einen Brückenkopf in die Vergangenheit, Henzes Werk wäre ohne ihn nicht denkbar.<BR><BR>"Ich suchte nach etwas, das mich stolz machen könnte, ein Deutscher zu sein", schreiben Sie zu Hartmann. Also interessierte Sie zuerst nicht die Musik, sondern Hartmanns Haltung?<BR><BR>Metzmacher: Das kann man nicht ganz trennen. Natürlich hat mich die Musik sehr angesprochen. Und Antworten auf die Frage, wie das alles in den dunklen deutschen Jahren gekommen ist, habe ich in seinem Wirken gefunden.<BR><BR>Sie haben Hartmann fast überall dirigiert. Wie kommt er an?<BR><BR>Metzmacher: Gerade im Ausland sehr gut. In Chicago und Los Angeles habe ich die Sechste aufgeführt - ein Riesenerfolg. Neulich in Rotterdam gab es nach der Ersten und der "Gesangsszene" unübliche Standing Ovations.<BR><BR>Eines der drei Philharmoniker-Konzerte hier ist ein Jugendkonzert. Bieten Sie eine Werk-Einführung?<BR><BR>Metzmacher: Selbstverständlich. Ich habe in Hamburg in den letzten sieben Jahren immer Einführungen zu meinen Konzerten gemacht. Aus diesen Erfahrungen ist auch der Mut entstanden, ein Buch zu schreiben. Weil ich allmählich gewohnt war, über Musik zu sprechen, um Neugierde zu wecken. Das ist ja keine Erfindung unserer Zeit. Hans von Bülow hat seinerzeit Beethovens Neunte zweimal gespielt, um dazwischen darüber zu reden. Dirigenten sollten Vermittler in jeder Hinsicht sein.<BR><BR>Ihre Hamburger Silvesterkonzerte mit zeitgenössischer Musik sind Kult. Wie bekommt man das Publikum so weit? Oder war es einfach eine Marktlücke?<BR><BR>Metzmacher: Wir haben zu einem günstigen Zeitpunkt, zum Millenniumswechsel, damit angefangen und erhielten gleich große Medienunterstützung. Und dann stimmte einfach die Mischung: viele kurze Stücke, dazu launige Einleitungen. Aber es gab wohl auch ein Bedürfnis. Die Menschen wollen sich schon für Neues interessieren, wollen eine Tür zu dieser Musik finden.<BR><BR>Also muss man als Künstler auch die Tür öffnen, auf die Leute zugehen.<BR><BR>Metzmacher: Wir Musikschaffenden haben da in den letzten Jahrzehnten viel versäumt, gerade bei traditionellen Orchestern. Die müssen vielleicht nicht gleich um ihre Existenz bangen. Aber sie sollten etwas dafür tun, um im Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit zu bleiben. Also Zuhörer heranziehen.<BR><BR>Heißt das gleichzeitig, dass es für Neue Musik immer enger wird?<BR><BR>Metzmacher: Im Gegenteil. Ich weigere mich zu glauben, dass diese Musik automatisch weniger Erfolg an der Kasse hat und dass das Spielen der ewig gleichen Stücke der sichere Weg ist. Ich habe auch meine Konzerte immer mit Neuer Musik gewürzt, und es klappte. Wir müssen über den traditionellen Konzertbesucher hinausdenken. Wer sich für Deep Purple oder Miles Davis interessiert, der ist doch von der Avantgarde gar nicht so weit weg.<BR><BR>Im Juni verabschieden Sie sich von Hamburg, um als Chefdirigent an die Nederlandse Opera Amsterdam zu wechseln. Wie schwer lässt man los nach der erfolgreichen Ära?<BR><BR>Metzmacher: Es ist nicht leicht. Aber der Abschied zieht sich schon über die ganze Saison hin. Gerade mit der Premiere von "Moses und Aron" in Peter Konwitschnys Regie fühlte ich, wie da eine Saat aufging. Doch wenn man zu lange an einem Ort bleibt, wird's zermürbend. Ich freue mich auf Amsterdam.<BR><BR>Lassen Sie sich eigentlich beim Dirigieren von der Regie beeinflussen?<BR><BR>Metzmacher: Absolut. Ich mag den Begriff des szenischen Musizierens. Mir ist wichtig, dass da eine Energie von der Bühne kommt. Gute Regisseure wie Konwitschny begründen ihre Arbeit aus der Motivation, die durch die Musik entsteht. Ich hab' eher ein Problem damit, wenn alles nur über Hände-zum-Himmel funktioniert.</P><P>Das Gespräch führte Markus Thiel</P>

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