1. Startseite
  2. Kultur

Und alles fügt sich: Franz Welser-Möst mit Schuberts Es-Dur-Messe bei den Salzburger Festspielen

Erstellt:

Von: Markus Thiel

Kommentare

Franz Welser-Möst mit dem Wiener Singverein und der Camerata Salzburg.
Franz Welser-Möst mit dem Wiener Singverein und der Camerata Salzburg. © Marco Borrelli

In jedem Takt spürt man: So ist es richtig, so muss es sein. Franz Welser-Möst glückt in Salzburg eine Musteraufführung von Schuberts Es-Dur-Messe.

Das Schlüsselbrett war schon immer klein. Und manche der Kollegen haben eines dieser Silberdinge für immer mitgenommen in den Dirigentenhimmel, Claudio Abbado und Nikolaus Harnoncourt zum Beispiel. Franz Welser-Möst besitzt noch eines der raren Exemplare: den Schlüssel zu Schubert. Bach oder Beethoven, man hört und erleidet es auch zuweilen, vertragen ja enorm viel. Von hemmungslosen Romantizismen über Egotrips bis zur manchmal vegan missratenen „historischen Aufführungspraxis“. Bei Franz Schubert wird es dagegen sehr eng. Doch dann passieren solche Nachmittage wie bei den Salzburger Festspielen mit der Es-Dur-Messe und klug eingestreuten Kostbarkeiten des Meisters, „Intende voci“ und „Tantum ergo“, und höre da: Alles fügt sich aufs Wunderbarste.

Jeder Takt verströmt die Versicherung: So ist es richtig, so muss es sein. Es ist ein schmaler Grat, auf dem man abglitschen könnte in Nationalismen. Aber womöglich ist es wirklich so, dass man nicht nur ums Woher dieser Musik wissen, sondern alles auch eingeatmet und erfühlt haben muss – als Landsmann und -frau des Komponisten. Das Volkstum, das Liedhafte, die traditionsverbundene, auch kritische Religiosität. Insofern passt es, dass auf der Bühne im Haus für Mozart die Camerata Salzburg und der Wiener Singverein aktiv sind. Allen ist klar: Die Es-Dur-Messe, Schuberts letzte und größte, ist keine für die Kathedrale. Trotz heftiger Verzweiflungsausbrüche wie im letzten „Miserere nobis“ des Gloria oder im hingeschleuderten „Crucifixus“ des Credo ist das nach innen gewendete, intime, untheatrale Kunst.

Luxuriös besetztes Solisten-Quintett

Eigentlich ist Welser-Möst seit einigen Sommern der Mister Richard Strauss der Festspiele, in diesem Jahr auch Puccinis Sachwalter mit „Il trittico“. Am meisten daheim scheint er allerdings bei Schubert, wie hier zu erleben ist. Die Tempi sind durchweg flüssig, aber nie gehetzt. Frappierend deutlich wird die Verwandtschaft zu Mozart. Alles ist kantabel empfunden, manchmal mit, manchmal eben ohne Text. Erst wenn auch jede Instrumentalphrase gesungen werden kann, hat man Schubert begriffen.

Das Kniffligste, wie in seinen Symphonien, ist ja die Verbindung von charakteristisch vorantreibenden Begleitfiguren und überwölbendem Melos. Am schönsten in dieser Messe im „Et incarnatus est“. Auch diese Verschmelzung glückt, weil es oft nur winzige, nie bedeutungsschwangere Hervorhebungen gibt. Die Details sind präsent, jede Stelle erlebt man trotzdem in ihrer vielschichtigen Ganzheit. Die Camerata glänzt da mit ihren Streichern, besonders mit einem grandiosen Klarinettisten. Anders als viele Kollegen winkt Welser-Möst auch die großen Fugen nicht durch, gestaltet sie genau, ist immer beim Chor.

Der Wiener Singverein mag kein Donner-Ensemble sein, das kommt der Aufführung aber zugute. Ebenso die Solisten (Golda Schultz, Katharina Magiera, Maciej Kwaśnikowski und Tareq Nazmi), die mehr als luxuriös besetzt sind für ihre kurzen Aufgaben. Julian Prégardien darf immerhin noch das Solo in „Intende voci“ bestreiten. Timbre und Gestaltung passen ideal zu Schubert. Man hört aber auch: keine so leichte Aufgabe. Langer, ergriffener Beifall. Vielleicht lassen wir das mit dem Mister Strauss für eine Weile. Franz Welser-Möst braucht in Salzburg eine Schubert-Oper.

Auch interessant

Kommentare