Unendliche Geschichte

- "Es gibt Augenblicke, in denen ich Photographien verabscheue", schrieb einmal Roland Barthes. "Was gehen mich die alten Baumstämme von Eugè`ne Atget an?" Es kann gar nicht genug um diesen Satz des Philosophen gezankt werden. Er dachte viel über die Fotografie, doch dieses dachte er falsch. "Man muss sich auf jedes Bild mit Liebe einlassen", scheint ihm auch der Basler Kunstsammler Peter Herzog mit Leidenschaft zu begegnen, "und scheint es noch so unbedeutend".

<P class=MsoNormal>Sollte man es je getan haben, so glaubt man spätestens dann nicht mehr an die Unbedeutsamkeit eines Bildes, hat man einmal den Rundgang durch die atemberaubende Schau "Der Körper der Photographie" im Münchner Haus der Kunst begonnen. Sie zeigt nicht weniger als 600 Fotografien aus der historischen Sammlung von Ruth und Peter Herzog - erstmalig außerhalb der Schweiz -, und damit doch nicht mehr als den 500. Teil ihrer 300 000 Bilder.</P><P class=MsoNormal>Von tanzenden Bären zu fallenden Bomben</P><P class=MsoNormal>Für die beiden Sammler liegt die Schönheit der Fotografie in ihrer Narration: "Es ist eine Welt von Erzählungen geworden", schwärmt Peter Herzog. "Es sind Märchen, Träume, Geschichten - und es ist Geschichte." So sieht Herzog auch die Ausstellung im Haus der Kunst als "eine Geschichte, die aus vielen Tausend von Geschichten erzählt".</P><P class=MsoNormal>Drei hintereinander lang gestreckte Säle standen für die Schau zur Verfügung. Daraus formte das Sammlerehepaar die Vorstellung eines dreigeteilten Körpers, eines Körpers der Fotografie. Wie der menschliche Körper, der eines Juwelierladens oder der eines gereiften Weines - so die wilde Assoziationsreihe Herzogs. Als Bindeglieder dienen diesem Körper drei Kabinette. Das dritte, als Kopf, ist der "Sammler-Himmel", in dem sich unter anderen Schmuckstücken auch das erste Bild der Anfang der 70er-Jahre begonnenen Sammlung befindet (seit 2002 "Fondation Herzog" und "Laboratorium für Photographie"): der Silbergelatineabzug der "Spinnerinnen" von einem unbekannten Fotografen um 1900.</P><P class=MsoNormal>Sie beginnt mit dem "Urknall der Fotografie", dem Albuminabzug "Eissprengung im Hafen von Riga" um 1890; sie endet mit der Farbfotografie von Neil Armstrongs Mondlandung 1969. Die Geschichte der Fotografien im Haus der Kunst folgt lebendig atmend, außer Atem der der Menschheit; sie reicht von den Pyramiden zur Industrie, von Blumen zu Embryonen, von tanzenden Bären zu fallenden Bomben. 1885/90 macht sie Halt bei einem verträumten Kairoer Fellachenmädchen, 1936 bei einem verblüfften Schweizer Bauernknaben. Sie weiß Unendliches zu berichten - eine Ausstellung für Tage!</P><P class=MsoNormal>Gerne gewöhnt man sich an die häufige Bezeichnung "Photograph unbekannt". Denn auch das ist für die beiden Sammler wichtig: die Vernachlässigung von Autorenschaft.</P><P class=MsoNormal>Natürlich begegnen einem beim Rundgang durch die Auswahl auch etliche fotografische Berühmtheiten, seien es André´-Adolphe-Eugè`ne Disdé´ri, Adolphe Braun oder eben jener Eugène Atget.</P><P class=MsoNormal>Doch an erster Stelle bleibt stets der Inhalt des Bildes - und seine Authentizität. Die Herzogs wollen ihre Bilder "wie eine Sprache vorführen": 143 Vitrinen lenken den Betrachter, halten ihn fest, fordern ihn auf, die Fotografien zu lesen, in der altangemessenen Buchform lichtempfindlicher Abzüge.</P><P class=MsoNormal>Und die Abscheu Roland Barthes'? Wenn es auch nicht diejenigen des Jahrhundertwende-Pioniers Eugène Atget sind: Die "alten Baumstämme" im ersten Kabinett der Ausstellung gehören mit zu den schönsten Motiven der wunderbaren Auswahl.</P><P class=MsoNormal>Abgeschirmt durch schwere Vorhänge bildet das Kabinett den Übergang vom ersten, "Alte Kulturen"-Saal zum zweiten Saal mit der "Erfindung der Photographie". In seiner Dunkelheit leuchten die Salzpapier-Negative an den Wänden wie die Röntgenbilder eines Waldes: des Waldes Fontainebleau, in dem ab dem 19. Jahrhundert nicht länger Könige das Wild jagten, sondern Fotokünstler die Natur.</P>Bis 12. Juni. Mo-So 10-20 Uhr, Do 10-22 Uhr; Katalog 39 Euro. Tel. 089/ 21 12 70.

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