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David Foster Wallace (1962-2008).

„Unendlicher Spaß“: Uraufführung im Münchner Volkstheater

München - „Aber Spaß ist doch noch immer der eigentliche Punkt, irgendwie, oder?“ Fragte der junge David Foster Wallace, von Verehrern knapp DFW genannt, kurz vor der Veröffentlichung von „Infinite Jest“ (deutscher Titel: „Unendlicher Spaß“) in einem Brief an Don DeLillo.

Er wollte vom erfahrenen Meister Rat, weil ihm das Schreiben immer weniger Spaß bereitete, immer mehr zum Kampf wurde. Und dabei zugleich die Resultate immer besser. Weniger selbstdarstellerisch. Bedeutsamer. Aber können allein Disziplin und Respekt vor der Arbeit einen am Schreiben halten?

Das Münchner Volkstheater widmet sich nun diesem Roman und hat dafür eine Bühnenfassung erstellen lassen. Uraufführung ist am Donnerstagabend, Bettina Bruinier führt Regie. „Unendlicher Spaß“ spielt in der Zukunft, in einem gemeinsamen Staat aus USA, Kanada und Mexico, den ein Ex-Schlagersänger regiert. Aufs Korn genommen wird dabei vor allem die unersättliche Unterhaltungsgier.

Kann man sich ganz in den Dienst von etwas Höherem stellen? Das ist das zentrale Thema im Werk von DFW. Wie viele US-Autoren hat er eine akademische Ausbildung durchlaufen, hat Englisch und Philosophie sowie kreatives Schreiben studiert. Und er, Jahrgang 1962, hat damals die Lektionen von Dekonstruktion, Postmoderne gelernt. Er hat ihre Erkenntnis bewahrt. Es ging ihm nicht um Trotz. Es ging um ein „Trotzdem“. Wenn alle Gewissheiten weg sind, alle Wahrnehmung subjektiv ist und alle Autorität menschgemacht – wie und warum macht man weiter?

DFW war in jungen Jahren ein Tennistalent, erfuhr den Zwiespalt von Gabe und Disziplin. Hal Incandenza in „Unendlicher Spaß“ kommt einem Selbstporträt nahe, den Hang zu Suchtmitteln inbegriffen. Wallace liebte Ordnungssysteme (formale Logik, Mathematik) und war Wörterbuch-Fetischist. In allen Texten kann man Wallaces Geist beim Ringen, Arbeiten zusehen, zuhören. Das war es auch, was ihn zum brillanten Essayisten machte und warum Reportagen über Kreuzfahrten oder den Nominierungswahlkampf von McCain zum Hauptwerk zählen können: Schreiben war für ihn Denken, (inneres) Dialogisieren, mit jedem Text nimmt er einen mit auf ein Stück Erkenntnisarbeit. Mit wunderbarem Witz in der Art, Ernst in der Sache, mit einer virtuosen Verspieltheit, die nicht Selbstzweck war, sondern der einzige Weg, sich dem Kern der Sache anzunähern.

Für einen Schriftsteller seiner Bedeutung scheint das Œuvre schmal: Zwei (abgeschlossene) Romane, drei Bände Kurzprosa, zwei mit Essays, das Cantor-Buch. Manches fehlt auf Deutsch, manches erschien in anderer Zusammenstellung. Das Internet ist inzwischen zur reichen Sammelstelle für jedes verbliebene Fitzelchen geworden: Reden, Randnotizen, Briefe, Faxdeckblätter, Seminarpläne, von ihm korrigierte Arbeiten seiner Studenten.

Zuletzt hat DFW wieder an einem großen Roman gearbeitet: „The Pale King“ sollte ein packendes Buch über die Langeweile werden, es wollte Größe und Menschlichkeit finden im vermeintlich am schlimmsten Geisttötenden – dem Berufsdasein eines US-Steuerbeamten. Ein Buch, mal wieder, über die Hingabe an das, was jenseits des Spaßes liegt. DFW wusste, wie ein Leben aussah, aus dem alle Freude gewichen war: Er litt die zweite Hälfte seines Lebens an schwerer Depression. Er hat alle Therapiemöglichkeiten ausgeschöpft. Letztlich wollte, konnte er nicht mehr mit den Nebenwirkungen seiner Antidepressiva leben, setzte sie ab – auch weil sie sein Schreiben behinderten. Er wählte 2008 den Freitod.

„The Pale King“ ist enormes Konvolut geblieben, seine Frau und sein Lektor haben daraus eine lesbare Fassung destilliert: brillant in so vielen Details, herzzerreißend in der spürbaren Unfertigkeit der Gestaltung. Aber: kein Dokument des Aufgebens. Das Wichtige an DFW ist nicht, dass er tot ist. Es ist, dass er uns so viel (Über-)Lebensliteratur geschenkt hat.

Thomas Willmann

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