Unendlichkeit und Augenblick

- "Verweile doch . . ." ruft Faust dem schönen Augenblick zu, aber der entschwindet, genauso wie sich das Geld aus dem Münchner Stadtsäckel verflüchtigt hat. Die Finanz-Strangulation nimmt die Städtische Galerie im Lenbachhaus jedoch nicht lamentös hin, sondern hält kreativ dagegen. Zwar musste man die Ausstellung mit Arbeiten von Olafur Eliasson auf März kommenden Jahres verschieben, um sich Luft zu verschaffen; aber mit dem Farbrausch-Duett von Ackermann/Geiger und der aktuellen Schau "Verweile doch . . ." im Kunstbau hält sich das Haus auf feinstem Niveau - durch die eigene Sammlung.

<P>Hier zahlt sich die langfristig denkende, klug akzentuierende Ankaufspolitik des Museumsteams aus. Und es wird bewiesen, dass es zwingend notwendig ist, am Geld für Erwerbungen nicht zu sparen.</P><P>Die Ausstellung aus eigenen Beständen geht, so Direktor Helmut Friedel, von der Beobachtung aus, dass sich in der Mitte der 60er-Jahre bei vielen Künstlern ein besonderes Zeit-Verständnis einstellte. 1962 begann Gerhard Richter mit seinem mittlerweile 678-teiligen "Atlas", der in die Zukunft hineinwachsen wird; Roman Opalka startete 1965 die Gemälde-Serie "1 - ", die er bis an sein Lebensende fortführen wird; und am "14 Nov. 68" malte On Kawara erstmals ein Bild, das eben das Datum des Mal-Tages zeigt. Zeit als Anhäufung von Bildern aller Art ("Atlas"), als potenziell in die Unendlichkeit reichende Zahlenreihe _ eigentlich für uns Menschen etwas Unvorstellbares ("1 - ") _ und Zeit als ordnende Festlegung, die erst mit Ereignissen gefüllt werden muss. Deswegen legt On Kawara seine Datum-Bilder in passgenaue Schachteln, die mit den entsprechenden Zeitungen ausgelegt sind. Und noch etwas anderes wird klar: Unsere Zeitraster können noch so präzise sein, die Zeit selbst ist nicht festzuhalten.</P><P>Deswegen lässt sich Tatsuo Miyajima nur noch auf ein Spiel mit den Ordnungssystemen ein. In einem schwarzen Raum tanzen bunte Leuchtziffern, verlöschen. Dass sie sich auf schwarzen "Uhrzeigern" drehen, ist kaum wahrnehmbar. Und auch Bill Viola hat das "Verweile doch" aufgegeben. "Chott el Djerid" (ein ausgetrockneter Salzsee) gibt einen Video-Blick in die Sahara wieder. Noch verschafft das gelassen dahinschreitende Kamel dem Raum-Zeit-Gefüge Halt und Sinn; ist es aus dem Bild, verflüssigen sich im Hitzeflimmern die Koordinaten unseres Seins. Wahrnehmung hilft nicht mehr, um sich zu orientieren. Das Auge registriert einen Farb-Form-Traum: Zeit und Raum sind ausgelöscht. Nicht so radikal geht Michael Wesely bei seinen Fotos von europäischen Bahnhöfen vor. Der Raum bleibt unversehrt, erscheint quasi wie am ersten Tag: unbenutzt, keine Menschen, keine Züge. Nur hie und da entdeckt man Waggons: geisterhaft durchsichtig, ein Hauch, denn Wesely hat Belichtungs- und Reisezeit des jeweiligen Zugs gekoppelt. Die vielen Stunden, in denen die Kamera aufnimmt, radieren die Augenblickselemente aus. </P><P>Vergänglichkeit akzeptieren und doch dagegen ankämpfen. Das macht nicht nur Richter mit seinem Atlas-Tagebuch zwischen Privatheit und Politik, eigener Arbeit und Schnappschuss-Sammelwut, sondern das versuchen auch Nikolaus Lang und Hanne Darboven. Das Werk "Für Rainer Werner Fassbinder" tastet von 1946 und 1982, also vom Geburts- und Todesjahr des Regisseurs und Autors aus, in Geschichtsgefilde (19. Jahrhundert, Nazizeit, Zweiter Weltkrieg) und in die aktuelle politische Lage hinein. Darboven bildet aber zugleich auf den 90 Tafeln das Zeitverrinnen ab: Immer wieder liest man "Schreibzeit", und darunter kringeln sich auf sauberen Linien Schreibschleifen.</P><P>Zu Darbovens Konzept-Archäologie passt Langs konkrete Archäologie mit authentischen Fundstücken gut. 1973/74 archivierte er die unscheinbare Hinterlassenschaft der Geschwister Götte, die in Hütten ohne zivilisatorische Annehmlichkeiten bei Bayersoien gelebt hatten. Sensenblatt und Emailschüssel, altes Schuhwerk und selbst geflochtene Schnüre kombiniert Lang mit pflanzlichen und tierischen Resten aus dem Wald, aber auch mit denen eigener Aktionen: vielfältige Daseinsformen, die alle ihre speziellen Zeitspannen besaßen; und doch finden deren Relikte in einer alten Getreidekiste Platz.</P><P>Von morgen an bis 9. Februar 2003, Tel. 089/ 233 320 00, Führungen jeden Samstag um 16 Uhr; Katalogheft: drei Euro.<BR></P>

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