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Spannungsverluste im zweiten Teil: Hansjörg Albrechts Deutung ähnelte in vielem der seines Kollegen.

Bach in der Münchner Philharmonie

Unentschieden unterm Kreuz

Die Matthäus-Passion mit dem Münchener Bach-Chor und der Chorgemeinschaft Neubeuern

„Ist das hier eine gute Aufführung, oder soll ich lieber Karten für heute Abend kaufen?“ Das ist eine interessante Frage, die am Karfreitag wohl nicht nur die nette Dame aus Holland beschäftigte, die an der Tageskasse im Gasteig auf ein paar Resttickets hoffte. Denn mit Hansjörg Albrecht und Enoch zu Guttenberg waren gleich zwei ausgewiesene Barock-Kenner angetreten, um in rascher Folge ihre jeweilige Sicht auf Johann Sebastian Bachs Matthäus-Passion zu präsentieren.

Beide Aufführungen, die durch knappe zwei Stunden getrennt über die Bühne gingen, dürften, wenn überhaupt, nur hartgesottene Bach-Anhänger besucht haben. Doch wer den Marathon wagte, konnte neben klaren Unterschieden eine Reihe unerwarteter Parallelen registrieren. Etwa die zweite Solo-Violine, die beide Male schwächelte.

Auch die Errungenschaften der Originalklang-Bewegung haben bei beiden Dirigenten Spuren hinterlassen, wenngleich diese bei Guttenbergs weihevoller Lesart weit weniger stark ausgeprägt waren. Rein nach der Stoppuhr sind es am Ende knapp vier Minuten, die Albrecht vor seinem Kollegen über die Ziellinie kam. Aber das war es dann auch mit den messbaren Unterschieden. Gefühlte und reale Zeit liegen eben weit auseinander. Genauer feststellen ließen sich da schon die Dezibelzahlen. Hier dürfte – falls das Ohr nach sechs Stunden nicht trog – Guttenberg den höheren Ausschlag auf der Skala erreicht haben. Der gestrenge Maestro pendelte erneut zwischen den Extremen. Was gerade bei den von der Chorgemeinschaft Neubeuern kraftvoll intonierten Chorälen nicht ohne Wirkung blieb.

Dass sein Ensemble aber auch im Pianissimo zu fesseln vermag, nutzte Guttenberg leider nur selten. Mehr Abstufungen fanden sich da beim Münchener Bach-Chor, aus dem Albrecht trotz der Aufteilung in zwei Gruppen links und rechts des Orchesters einen ähnlich homogenen Klang formte. Umso bedauerlicher, dass seine Interpretation im zweiten Teil an Spannung einbüßte und erst mit der Grablegung langsam aufholte. Bleiben als Zünglein an der Waage die Solisten, bei denen sich ebenfalls schnell ein Unentschieden anbahnte. Angefangen mit Stephan Loges (Bach-Chor) und Stephan Genz (Neubeurer), die in der Christus-Partie beide auf ihre Art blass agierten. Einen kleinen Vorsprung für den Bach-Chor hatte zunächst noch Konstantin Wolff ersungen, der in den Bass-Arien variantenreicher gestaltete als der brummelnde Yorck Felix Speer. Wie auch Simone Nold (Bach-Chor) genau dort punkten konnte, wo Einspringerin Carolina Ullrich bei Enoch zu Guttenberg eher harte, angeschliffene Soprantöne beisteuerte.

Ebenfalls in letzter Minute zum Neubeurer Team gestoßen war Katharina Kammerloher, die durch ihren beseelten Vortrag die zuvor auftrumpfende Renée Morloc überbieten konnte. Auch Guttenbergs Tenöre Werner Güra (Evangelist) und Jörg Dürmüller (Arien) hatten die Nase vorn: Martin Petzold legte unter Albrecht als Evangelist zwar viel gestalterischen Ehrgeiz an den Tag, tat sich jedoch keinen Gefallen damit, noch die Arien zu übernehmen. Klaren Sieger gab es somit keinen im Wettstreit der Passionen. Höchstens die Veranstalter, die gleich zweimal ein gut gefülltes, im Falle der Neubeurer sogar ein ausverkauftes Haus verbuchten.

von Tobias Hell

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