Das Unerhörte ausgesprochen

- Sich diesem Komponisten mittels eines Bändchens nähern? Unmöglich. Einem Komponisten, der in seiner zweiten Symphonie nichts weniger als das Jüngste Gericht in ein Tongemälde fasste. Der über seine Dritte schrieb, sie sei ein Werk, "in welchem sich die ganze Welt spiegelt". Und der seine Achte mit mehreren Hundert Mitwirkenden zum Monument der Maßlosigkeit werden ließ.Knapp 1000 Seiten umfasst Jens Malte Fischers Biografie über Gustav Mahler.

<P>Zeitstudie und<BR>spannender Lebensroman<BR><BR><BR>Was keinesfalls abschrecken sollte, hat doch der Münchner Theaterwissenschaftler hier ein Opus summum vorgelegt. Ein opulentes Buch, das nicht nur die hintersten Winkel der Persönlichkeit Mahlers ausleuchtet, sondern auch viele Wegbegleiter(innen) erschöpfend porträtiert, das die Symphonien einer scharfsinnigen Analyse unterzieht, zugleich Zeitstudie ist und damit ein schillerndes Bild des "Fin de siècle" zeichnet.</P><P>Was durch Fischers Untersuchung deutlich wird: Auch ohne seine Symphonien wäre Mahler in die Annalen der Musikwelt eingegangen. Der aus dem böhmischen Kalischt stammende Künstler galt seinerzeit vor allem als genialer Dirigent. Als idealer Interpret der Opern Wagners und des späten Mozart. Als unerbittlicher Orchestererzieher, der neue Wege der musikalischen Interpretation beschritt - dies durch einen körperbetonten Dirigierstil, der sich, so Fischer, am ehesten mit dem Leonard Bernsteins vergleichen lässt.</P><P>Bis zum Chefposten an der Wiener Staatsoper war es ein steiniger Weg durch die Provinz. Über Stationen wie Bad Hall, Laibach, Kassel in bedeutendere Zentren wie Prag, Leipzig und Hamburg. Und stets hatte Mahler mit Orchestern und Sängern zu kämpfen, die seinen Ansprüchen kaum genügten. Die seine Kompromisslosigkeit dem Werk gegenüber als überzogen betrachteten - zumal der Maestro mit Gemeinheiten nicht sonderlich geizte. Gerade die Charakterzeichnung Mahlers gerät Fischer eindrucksvoll und schlüssig. Er mutmaßt nicht, wo Quellen versiegen, flüchtet sich nie in falsches Spekulieren. Und bringt folglich Almas Äußerungen Skepsis entgegen, habe sie den Gatten doch für die Nachwelt stilisieren wollen.</P><P>Von einem "Gefühlsleben in extremis" sei Mahler beherrscht worden. Und diese emotionalen Wechselbäder spiegelten sich in der Musik wider. "Mit einem Vokabular, das einem vertraut erscheint, spricht Mahler das Unerhörte und Unheimliche, das Bestürzende und Umstürzende aus." Skepsis und Weltschmerz, Verschlossenheit und Zielstrebigkeit bis zur Brutalität sowie ein Selbstbewusstsein "am Rande der Selbstüberschätzung", all das habe ihn ausgezeichnet. Vor allem aber Kaltblütigkeit, wenn es die Karriere betraf.</P><P>Die interessantesten Abschnitte in dieser Biografie sind die über die Weltsicht des Künstlers. Zu Mahlers literarischen Göttern zählten Jean Paul, Goethe und Dostojewski. Sein Verhältnis zum jüdischen Glauben war zwiespältig. Einerseits, so Fischer, habe er ihm aus taktischen Gründen abgeschworen, um es im antisemitischen Wien leichter zu haben (was kaum nützte). Andererseits habe er das Judentum innerlich aufgegeben zugunsten "einer höheren Menschheitsidee, ununterschieden durch ,Rasse und ,Religion". Es handelt sich also um eine Spielart des pantheistischen Glaubens, eine Art Naturreligion bestimmt vom Gefühl des Mitleids - wie dies auch im Finale der zweiten Symphonie zum Ausdruck kommt: Nicht das rächende Jüngste Gericht platzt nach dem "großen Appell" und einer bangen Pause los, sondern eine große Milde senkt sich über die Musik, bevor der Chor sein "Aufersteh'n" raunt.</P><P>Jens Malte Fischer ergreift vehement für Mahler Partei, gestattet sich auch Lästereien über Richard Strauss, setzt Mahlers Vorstellungsanzahl in Hamburg (rund 150) genüsslich in Relation zu der des jetzigen Münchner Staatsopern-GMDs (etwa 50) und widerlegt manche Legende, etwa jene, Mahlers "Kindertotenlieder" seien durch ein familiäres Ereignis ausgelöst worden.<BR>Breiter Raum wird den letzten Jahren eingeräumt. Fischer vertritt die These (wobei er eine ganze Reihe medizinischer Argumente aufführt), eine schwere Halsentzündung habe die unheilbare Herzerkrankung ausgelöst. Dass die Schilderung dieser New Yorker Zeit bis zur letzten Überfahrt in die Alte Welt etwas pathetisch gerät - es sei dem glühenden Mahler-Verehrer verziehen.</P><P>Diese Detailfülle offenbart, welch respektable Quellenarbeit Fischer geleistet haben muss. Das Wissen wird aber nicht dröge abgearbeitet, sondern vielmehr in literarischer Qualität vermittelt. Auch dieser Stil, der nur manchmal in unangemessenen Plauderton gleitet, macht das Buch so spannend und lesenswert. Es ist daher mehr als eine umfassende Gesamtschau der derzeitigen Mahler-Forschung. Es ist ein grandioser, spannender Lebensroman - und eine der wichtigsten Musiker-Biografien der letzten Zeit.</P><P>Jens Malte Fischer: "Gustav Mahler. Der fremde Vertraute." Paul Zsolnay Verlag, Wien. 990 Seiten, 45 Euro.<BR><BR></P>

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