Ungeküsste Kakteen

- Erhebliche Kursverluste im Aktien-Fonds Dance 2002. Gehandelt wurden an diesem Wochenende eher Investitions-riskante, im aktuellen (Münchner Biennale-)Fall vor allem beharrliche Ausdauer, vulgo Sitzfleisch, fordernde Papiere: im Bereich Tanz & Medien, Bewegung & Raum Neo-Behaviorismus à la B. F. Skinner und, attraktiv vielleicht für Heiterkeit suchende Kleinanleger, noch ein Comic-Schnäppchen aus der blattlosen, stammsukkulenten Trockenpflanzenzüchtung.

"Bésame el Cactus" nennt das spanische Powerpaketchen Sol Picó ihre Don-Quijote-Show in scheppernder Ritterrüstung oder "Bésame-mucho"-Schmachtpose, auf stampfendem Flamenco-Spitzenschuh oder in klassischem Ballett-Tütü. Und wird in ihrem stacheligen Vorgarten, beim Beine werfenden Schwarzen-Schwan-Solo - leider nur fast - von einem "Kaktus geküsst". <BR><BR>Ähnlich viel versprechend wie der Anfang dieses letztlich nur netten i-camp-Betthupferls auch Gil Jobins Etüde in Verhaltensforschung. Der Schweizer (mit vorauseilendem Lorbeer "innovativster Tanzerfinder unserer Tage") wirbelt seine sieben Tänzer in allerlei Flug-, Lauf- und Kriechformationen durch die Muffathalle, Anführer voraus. Durch die hart-bunten Oberteile und Hosen ergeben sich zunächst hübsche kaleidoskopische Bodenmuster zu gedämpft elektronisch glucksenden Unterwassermotoren und rhythmisch kratzendem Plattensprung. Aber mit equilibristischen Bein-Exercicen kehrt sich Jobins "Under Construction" schließlich nicht nur konkret choreographisch selbst unter den aufgeschlitzten Tanzteppich . . . <BR><BR>Dieser rutschfeste Fußbodenbelag war für die Staatsballett-Tänzerinnen so gut wie einziger Halt in der für sie ungewohnt nach allen Seiten hin offenen Hauptzollamt-Halle. Die von dem Franzosen Jean Luc Ducourt anvisierte "choreographische Zwölftontechnik" mündete in dieser imposanten Jugendstilhalle von 1912 erst einmal in einer Ballettvokabel-Streusel-Technik. Zumindest aber konnte man mit Muße Münchens heranwachsende Ballerinen einzeln in Augenschein nehmen. <BR><BR>"Tanz & Architektur" auch Ausgangspunkt der austro-kanadischen Kondition Pluriel. Eine Schaltzentrale im Computer-Führerhaus und zwei Tänzerinnen mit diversen angeklebten Sensoren schaffen es, sich selbst, aber noch intensiver die Lothringerhalle 13 auf ihre eigenen Wände zu projizieren: in fotografischer Echt-Form und in ihrer auf leuchtende Linien reduzierten grafischen Gestalt. Technisch dies alles hochkompliziert, uneigennützig die beiden "dienenden Raum-Bewegerinnen", hochkarg die Schönheit des bebilderten Raums - an der man nach einiger Zeit verhungert. Lichtkünstler Pipons illuminierte Hauptzollamt-Kuppel leuchtet da tröstlich weithin. <BR>

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