Nur das Ungewisse motiviert uns

- Ob es ein Erfolg wird? "Man weiß es vorher nie", sagt Ulrike Krumbiegel. "Aber für mich ziehe ich schon immer kurz vor der Premiere ein Fazit, um darin unbeeinflusst von den Kritiken zu sein. Ich frage mich dann: War die Arbeit für mich wichtig, war sie für mich richtig? Und diesmal muss ich sagen - ja."

<P>Dieses Mal - das ist das gewaltige Unternehmen der "Orestie" von Aischylos. In der Inszenierung von Andreas Kriegenburg haben alle drei Teile - "Agamemnon", "Das Totenopfer", "Die Eumeniden" - morgen in der Jutierhalle Premiere. Der sechsstündige Antiken-Marathon, in dem u. a. Nina Kunzendorf als Klytaimnestra, Christa Berndl als Athene, Julia Jentsch als Elektra und Hans Kremer als Agamemnon zu sehen sind,ist eine Produktion der Münchner Kammerspiele und beginnt um 18 Uhr.<BR>Als Agamemnons Kriegsbeute und Unheilverkünderin Kassandra stellt sich erstmals auf einer Münchner Bühne Ulrike Krumbiegel vor. Fast fünfzehn Jahre gehörte sie als eine der Besten zur schauspielerischen Elitetruppe von Thomas Langhoffs Deutschem Theater in Berlin. Als Bernd Wilms den stolzen Intendantenthron bestieg, wurde auch Krumbiegel sozusagen ins Exil getrieben. Mit ihr schnuppert nun - nach Dagmar Manzel ("Traum im Herbst") und Götz Schubert ("Endspiel") - der dritte Berliner Bühnen-Protagonist Münchner  Bühnenluft. </P><P>Und ein bisschen hat es den Anschein, als könnte sich wiederholen, was vor 25 Jahren der Grundstein zu Dieter Dorns Münchner Erfolg wurde: die Abwanderung der Stars vom preußischen Berlin in die Metropole Bayerns.<BR><BR>Mit dieser Stadt, die ihr bislang so fremd war, verbindet Ulrike Krumbiegel dennoch eine nostalgische, ja, mittlerweile historische Erinnerung. 1987 _ die Mauer stand noch felsenfest, die 25-jährige Ost-Berlinerin Ulrike Krumbiegel aber gastierte mit dem Theater in Duisburg. Früher einmal hatte sie im Fernsehen einen Dokumentarfilm über den Englischen Garten gesehen. Und als sich während des West-Gastspiels drei freie Tage ergaben, fuhr die naturbegeisterte Schauspielerin zusammen mit ihrem Freund über die Mitfahrzentrale nach München, um diesen Park zu sehen. Das Erste, was sie aber von München wahrnahm, waren die ockergelben Häuser in der Maximilianstraße, denn die Fahrt aus Duisburg endete vor den Kammerspielen.<BR><BR>"Da sahen wir, dass am Abend ,Phädra gespielt wurde. Das wollte ich mir unbedingt anschauen. Natürlich ausverkauft. Ich versuchte es beim Bühneneingang, erzählte dort, dass wir Schauspieler aus der DDR seien usw., aber auch auf diesem Weg war nichts zu machen. Da kam gerade Sibylle Canonica vorbei, hörte das Gespräch und griff sofort zum Hörer, telefonierte mit der Intendanz, sagte, es müssten unbedingt Karten her - und wir bekamen welche, sogar umsonst. Wieder zu Hause, in der DDR angekommen, habe ich ihr als kleines Dankeschön ein Buch geschickt. Wir sind uns nie wieder begegnet."<BR><BR>Wie hätte Ulrike Krumbiegel damals ahnen können, 15 Jahre später von beiden großen Münchner Theatern umworben zu werden! Seherische Fähigkeiten, wie sie Kassandra besitzt, hat sie schließlich nicht. Hätte sie die gerne?<BR><BR>"Nein, natürlich nicht. Was uns aufrecht erhält, ist doch, dass wir nicht wissen, was noch alles kommt. Nur die Ungewissheit motiviert uns. Außerdem: Kassandra kann ja nur das Schlechte voraussehen. Der zweite Fluch, der auf ihr liegt, ist die Tatsache, dass ihr niemand glaubt. Daran geht sie kaputt." Um das zu verstärken, hat Regisseur Kriegenburg für sie "eine größere Improvisationsstrecke entwickelt, wo sie den Menschen Dinge sagt, die sie nicht gerne hören. Und es wird die Aggression spürbar darüber, dass da jemand kommt, der nur Unangenehmes voraussagt."<BR><BR>Wenn auch diese "Orestie" sehr modern aussieht, bleiben einem heutigen Publikum dennoch die Details der Dynastien von Göttern und Halbgöttern ziemlich fremd. Für Ulrike Krumbiegel ist das weniger ein Problem: "Als Anfängerin vor 20 Jahren habe ich in Schwerin bereits in einem Antikenprojekt mitgespielt; ,Iphigenie in Aulis war meine erste Arbeit. Daher kenne ich mich mit diesen Personen ganz gut aus. Aber ich glaube, in der Inszenierung hier muss man sich einfach dem überlassen, was man sieht."<BR>Wenn es für die Schauspielerin, die derzeit noch in Berlin als Mascha in Tschechows "Möwe" zu sehen ist, auch schmerzlich war, dass sie von Intendant Wilms den Rausschmiss erhalten hat, sagt Ulrike Krumbiegel jetzt: "Heute bedeutet es mir nicht mehr viel. Das Deutsche Theater hat sich für mich total erledigt." Objektiv gesehen, hat sie von der Entlassung vor eineinhalb Jahren sogar profitiert. "Dieses Leben in einer anderen Stadt genieße ich sehr. Und diese neu gewonnene Freiheit. Ich arbeite mehr als früher, ich verdiene viel mehr, und ich habe trotzdem noch Zeit, auf der Ostsee zu segeln. Im Moment jedenfalls", sagt Ulrike Krumbiegel, "freue ich mich auf alle positiven Veränderungen in meinem Leben. Das Private bekommt eine größere Bedeutung."<BR></P>

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