Das Ungewisse in stürmischer Dunkelheit

- 23 Jahre ist es her, dass Asle seine Signe verlassen hat. Vielleicht nur allein zurückgelassen hat. Denn in einer stürmischen Nacht wollte der Norweger wie so häufig auf den dunklen Fjord hinausrudern. So sagte er. Dann ging er aber doch nur spazieren. Hatte eine Vision. Und blieb für immer weg.

<P>Schon allein in dieser kurzen Darstellung schlingern die Perspektiven. Wie sie es ständig in "Das ist Alise", dieser schön düsteren, schweigsam zärtlichen Novelle von Jon Fosse tun. Fixpunkt allein ist die inzwischen ergraute Frau, die auf der Bank in ihrer Stube liegt und sich selbst vor Augen hat, wie sie vor 23 Jahren ruhelos am Fenster stand, dann Asle suchen ging. Und allein heimkehrte. Und schon springt der Blickwinkel um.</P><P>Gedanken den Fjord hinab</P><P>Plötzlich sieht sie sich nicht am Fenster stehen, sondern steht dort. Und schaut wiederum auf sich selbst, wie sie als alte Frau auf der Bank liegt. Ihren Erinnerungen nachhängt. Erneut ein Rollentausch. Der Erzähler ist bei Asle, der in der Nacht unterwegs ist und die, die er so liebt, am Fenster stehen weiß. Und stundenweise doch immer wieder verlassen muss.</P><P>Und damit nicht genug. Beide, Asle und Signe, erblicken auch längst verstorbene Mitglieder der Familie. Die Ururgroßmutter Alise, Opa Olav, seinen ertrunkenen Bruder, welche plötzlich dieselbe Stube bewohnen. Das Feuer am Ufer hüten. Mit der Flamme den Asle von 1979 aufs Wasser locken. Das alles gleitet ohne Punkte, aber mit vielen Fragezeichen ineinander über. Ein unbegradigter, stetiger Gedankenstrom, der zum Fjord hinabfließt.</P><P>So furchtbar traurig aber ist diese Geschichte nicht einmal. Fast schon wie eine Rettung ihrer Gefühle, bevor sie abkühlen und das beginnende gegenseitige Unverständnis sich ausbreitet, erscheint diese unerhörte Begebenheit, diese unerklärliche Trennung. Fosse, der auch Dramen schreibt, hat hier wieder spröde Emotionen bersten lassen, die Splitter neu, bizarr und kunstvoll geordnet und ein eigentümlich kühl-herzliches Lesevergnügen geschaffen.</P><P>Jon Fosse: "Das ist Alise". <BR> Novelle. Deutsch von Hinrich Schmidt-Henkel. Mare Buchverlag, Hamburg. 116 Seiten, 18 Euro.<BR>Der Autor liest heute, 20 Uhr, im Werkraum der Münchner Kammerspiele aus seinem Buch.<BR></P>

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