Franz Marc Museum in Kochel am See.

Franz Marc Museum

Unglaublich viel Leben

Kochel am See - Das Franz Marc Museum in Kochel am See zeigt die Ausstellung „Georg Baselitz. Tierstücke – Nicht von dieser Welt“.

Mit charmanter Bescheidenheit bezirzte Georg Baselitz die Journalistenschar, die am Donnerstagnachmittag zur Pressevorbesichtigung seiner Ausstellung „Tierstücke – Nicht von dieser Welt“ nach Kochel am See angereist waren. „Das ist ein fremder Platz für mich“, sagte er im Hinblick auf das Franz Marc Museum und erinnerte respektvoll an den „jungen Maler“, der neben ein paar anderen „für die deutsche Malerei sehr wichtig“ gewesen sei. Baselitz ist bewusst, wie kurz Marc (geboren 1880), der 1916 im Ersten Weltkrieg starb, wirken konnte, während die Gemälde und Arbeiten auf Papier in der aktuellen Schau bereits 55 Jahre enthalten. Natürlich erweist man Marc eine Reverenz mit dieser bestimmten Auswahl an Bildern, die teilweise noch nie gezeigt wurden. Obwohl der gebürtige Sachse Georg Baselitz (Jahrgang 1938) nicht das kosmische Verhältnis zum Tier hat wie der Bayer Marc, zieht sich dennoch dieses Motiv bis heute durch Baselitz’ Schaffen.

Das Kocheler Privatmuseum konnte für diese so spezielle Präsentation die ausgewiesene Baselitz-Expertin Carla Schulz-Hoffmann (stellvertretende Generaldirektorin der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen a. D.) gewinnen. Und damit auch fast alle Bilder, die man haben wollte. Für Baselitz seien Tiere eine Möglichkeit, sich ganz auf das Malerische zu konzentrieren, ohne vom Inhaltlichen zu sehr eingeengt zu sein, so die Kuratorin. Aber dieser Maler mit Leib und Seele und Geist und Gemüt braucht durchaus den Inhalt, und sei es nur, um sich daran zu reiben oder ihn wegzusprengen. Beides bekräftigt die Anekdote, die Baselitz von seinem frühen Gemälde „Ein Hund“ erzählt. 1968 oder ‘69 habe ein junger deutscher Pop-Art-Künstler namens Gerhard Richter einen Hirschen gemalt. Georg Baselitz’ Antwort darauf musste naturgemäß eine malerische sein: Sein Hund Igor wurde – „verkehrt“ herum – verewigt, „in der Methode von Anselm Feuerbach“, wie der Künstler heute schmunzelnd anmerkt.

Dieser Hund ist im Marc- Museum genauso zu sehen wie die aggressiven Kampfhunde, die Baselitz in Malfelder zerrissen, zergliedert und manchmal mit menschlichen Gliedmaßen kombiniert hat. Die Schrecken der Gewalt gehören ins Umfeld der düsteren Soldatenbilder. Die Farbsetzung ist opak, kompakt, abgetönt. Obgleich Angst-Themen bleiben, wird die Malbewegung später weiter, großzügiger. Heute ist sie an Lockerheit nicht zu übertreffen. Dass Baselitz am Boden malt, gibt allem Freizügigkeit. Man spürt die Bewegung das ganzen Körpers. Und der Seele. Die Bilder dürfen durchlässig sein, farbenfroh, wandelbar. Nichts mehr muss fest gefügt sein. Ein Hundepaar kann schon mal kitschiges Rosa tragen, und Pferde – eigentlich nur weiße Leerstellen – stehen neben Leuten (Baselitz und seine Frau), als würde gerade ein Touristen-Schnappschuss gemacht. Da wird sehr deutlich, dass sich der Maler fast nur für die Flächenaufteilung interessiert und, wie er aus dem dominierenden Schwarz unglaublich viel Leben herausholen kann.

Genauso funktioniert dieses Verfahren bei seinen Aquarellen. Farbe oder Tusche wird ausprobiert, ob nun in kalligrafisch-japanischer Weise oder als klotziger Kontrast. Manchmal geht das Wesen des Tiers dabei unter, wie etwa bei den Rehen (die Marc so mochte). Manchmal behalten sie ihre Würde oder ihren Symbolgehalt wie der Adler. Selbst wenn der Maler ihn in die Ungegenständlichkeit treibt, abstürzen lässt oder in Querlage drängt, der deutsche Adler lässt sich nicht abschütteln. Georg Baselitz kommt freilich mittlerweile gut mit ihm aus. Schließlich hat er immer betont: „Mein Land ist Deutschland.“

Simone Dattenberger

6. April bis 21. September

tgl. außer Mo. 10–18 Uhr; Franz-Marc-Park 8–10; Tel. 088 51/92 48 80; Katalog, Sieveking Verlag: 34,90 Euro.

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